Hallo,

mit ein wenig Verspätung hier nun der Bericht zur diesjährigen Falknerei-vorführung in Tôkyô.

Wie in jedem Jahr fand die diesjährige Vorführung im Hamarikyû-Park in Tôkyô statt, einem von zwei ehemaligen Revieren zur Entenjagd der Togukawa Shôgune bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts. Im Jahre 1654 baute Tokugawa Tsunashige eine zweite Residenz und sollte ab der Regenz des 6. Shogun Tokugawa Ienobu als Rückzugsort der Tokugawa-Familie gelten. Während der Meiji-Restauration wurde der Garten als Ort für kaiserliche Veranstaltungen genutzt, doch im Jahre 1889 schwer beschädigt. Am 3. November 1945 wurde der Park als kaiserliches Geschenk der Stadt Tôkyô übergeben und für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Am 2. bzw. 3. Januar wurde zweimal täglich die Kunst der Falknerei der Suwa ryû Hôyôjutsu dargeboten. Jede Vorführung dauerte ungefähr 60 Minuten und bot einen Überblick über verschiedene Aspekte der Falknerei, darunter:

  • Wamawari – Das Umhergehen der Falkner mit den Vögeln um sie an das Terrain zu gewöhnen
  • Watari – Das Rufen der Vögel zum Arm des Falkners
  • Furikae – Das Rufen der Vögel von einem Falkner zu einem anderen
  • Awase – Beschleunigung des Vogels durch eine Art „Wurfbewegung“ zum Erreichen einer höheren Geschwindigkeit auf kurze Distanzen
  • Furibato – Trainieren des Vogels  zum Greifen des Wilds in der Luft
  • Agetaka-jikomi – Warten in der Luft, um auf Kommando des Falkners das Wild anzugreifen

Die Kleidung der Falkner basiert auf jener welche während der Meiji- und Taisho-Periode vom Kaiserlichen Hofamt festgelegt worden ist. Die alten Schnürschuhe, Strohsandelen und die Kappe der Edo-Periode wurden gegen Zehensocken – den sogenannten Jika-Tabi – sowie einer Jagdkappe ausgetauscht. Hiermit wollte man sich von der Edo-Periode und der damals herrschenden Obrigkeit absetzen.

Im folgenden einige (kurze) Videos, aufgenommen im Hamarikyû-Park.

Und einige Fotos:

Mit etwas Glück wird es sich bei Teil 3. dieser kleinen Reihe dann um einen weiteren Bericht handeln, welcher dann hoffentlich einen Besuch der Suwa ryû als Thema haben wird. Man darf also gespannt sein!

Yours in Budô,
Micha

ps: Wer Teil 1. der Reihe noch einmal lesen möchte: https://lifeforasword.wordpress.com/2012/02/10/traditionelle-falknerei-in-japan-teil-1-geschichte/

Ich wünsche allen Lesern ein frohes und gesundes neues Jahr des Pferdes!

Das neue Jahr startet mit einem kurzen Enbu, aufgenommen am gestrigen Donnerstag im Bahnhof der Stadt Aomori.
Gezeigt wurden:

  • Kinpû ryû Shakuhachi
  • Bokuden ryû Kenjutsu (ungerüstet, gerüstet)
  • Jôdô
  • Hayashizaki Shinmuso ryû Iai
  • Tôda ryû Bôjutsu

Zudem hatte man als Zuschauer im Anschluss an die Vorführung die Gelegenheit, selbst einmal Hand anlegen zu können.


Yours in Budô,

Micha

Liebe Leser,

das Jahr 2013 neigt sich so langsam dem Ende entgegen. Es war – privat gesehen – ein wirklich tolles Jahr und ich bin sicher, dass 2014 noch einen draufsetzen wird. In Sachen Koryû wird es einige neue Projekte geben. Zu gegebener Stunde hierzu mehr. Das Jahr der Enbu beginnt mit dem großen Kobudô-Enbu am 9. Februar im Budôkan in Tôkyô. Man darf also gespannt sein.

Seit 2008 existiert dieser Blog. In dieser Zeit haben sich 151 Artikel, Posts, Berichte, etc. angesammelt. Das Ziel also für 2014? Genau dort weitermachen, wo meine Passion liegt: In den Koryû.

Bis dahin wünsche ich allen Lesern von „Life for a Sword“ ein frohes und besinnliches Weihnachtfest und einen guten Rutsch in das neue Jahr 2014.

Möge es glückseelig sein.

Yours in Budô,
Micha

Tokushima – Tokushima? Wo bitte liegt Tokushima?
Nun, bis letzten Freitag (13.12.2013) hatte ich selbst nur rudimentäres Wissen über Tokushima – also ehrlich gesagt: Null. Ich wusste, dass Tokushima eine der Präfekturen der Insel Shikoku ist. Hinzu kam die Tatsache, dass nach dem 1. Weltkrieg ein deutsches Kriegsgefangenenlager in der Stadt Naruto existiert hat. Und mehr? Puh, da hört es schon auf.
Nach diesen zwei Tagen in Tokushima kann ich allerdings sagen, dass die Präfektur wirklich einiges zu bieten hat. Zum einen das erwähnte Lager, welches momentan nur als Nachbau existiert und als Kulisse für den Film „Baruto no Gakuen“ diente, welcher die Geschichte der Deutschen in Bando – dem Ort des Lagers – darstellte. Neben Bruno Ganz war auch Matsudaira Ken mit von der Partie, einer der großen Jidaigeki-Schauspieler hier in Japan. Ach, und einer meiner Ex-Kommilitonen war auch mit am Start. In der Nähe des Lagers gibt es überdies das „Deutsche Haus Naruto“, ein Museum über die Geschichte der Deutschen mit einem netten Shop, welcher nicht nur ordentliches Bier verkauft (Jever!) sondern zudem auch mit allerlei anderen deutschen Spezialitäten auftrumpfen konnte. Durch die Partnerschaft Narutos mit Stadt Lüneburg war ein Teil des Museum zudem eben jener Partnerschaft gewidmet.
Naruto ist zudem der Ausgangspunkt zur 88. Tempel-Tour auf Shikoku. Tempel Nr. 1 – den Ryôzen-ji – konnten wir besuchen und ich muss sagen, dass dieser schon recht ansprechend ist. Der kleine Teich mit den Koi-Karpfen, das Herbstlaub, dazu noch der umherstolzierende Kranich – alles in allem war eine sehr tolle und ruhige Stimmung.

Der zweite Tag stand zwar wieder im Zeichen der Kultur, doch dieses Mal gesellte sich eine ganze besondere Sache hinzu: Der Besuch eines Dôjô aus der Meiji-Zeit. Dazu muss man sagen – und das wusste ich bis jetzt auch nicht – dass Tokushima in Sachen Koryû ein ziemlicher Hotspot gewesen sein soll. Die Kanshin ryû – momentan überwiegend zu finden in Shimane – soll dort überaus populär gewesen sein. Gleiches gilt für die Shingyôtô ryû.
Durch einen Kontakt hier in Tôkyô bot sich die Gelegenheit, ein Familiendôjô der Yagyû Shinkage ryû zu besuchen, jener Yagyû Shinkage ryû, die neben der Toda ryû und dem Shindô Yôshin ryû maßgeblichen Einfluss auf das Wadô ryû-Karate gehabt hat.
Nach kurzer Fahrt mit dem Zug wurden wir freundlich von Herrn Tomura empfangen, welcher uns netterweise vom Bahnhof abgeholt hat. Das Dôjô – genannt Kyûbukan – wurde von seinen Vorfahren erbaut und diente in den ersten Jahren vornehmlich als Kenjutsu und Iaijutsu-Dôjô, später – in den Zeiten des Zweiten Weltkrieges – als Übungsstätte für Kendô und Jûkendô. Momentan wird es nur noch vereinzelt genutzt, da es schlichtweg an Nachwuchs mangelt. Das Dôjô wurde im Laufe der Jahre öfters renoviert und ausgebessert. Das Grundgerüst, der Dachstuhl sowie einige weitere Teile sind jedoch noch im Orginalzustand. Der Fußboden wurde vor ungefähr 30 Jahren erneuert, die Außenwände erst vor einigen Jahren. Hierzu hat man von Außen Schutzwände zur Bewahrung der Holzkonstruktion angebracht – eine komplette Erneuerung wäre zu teuer geworden. Das Dôjô selbst ist – wie uns erklärt worden ist – ein Shintô-Schrein, in dessen Zentrum im Kamidana ein heiliger Stein – das sogenannte Goshintai – aufbewahrt wird. Diese Art des Aufbau des Kamidana sei die klassische Art und Weise bei der Konstruktion eines Dôjôs gewesen. Jene die solche Steine weihen sind – in der Region Tokushima – aber sehr selten bis gar nicht mehr auffindbar. Früher soll es wohl einige Dôjô in der Region um das Kyûbukan gegeben haben, doch haben deren Besitzer die Goshintai nicht richtig gewürdigt und dadurch – so sagt man sich – Unheil über das Dôjô und die Schule gebracht. Die Besitzer wurden krank, die Dôjô vom Feuer heimgesucht, usw. Leider muss ich an dieser Stelle gestehen, dass Tomura-san uns soviele Details erzählt hat, sodass ich im Nachhinein nur einen Bruchteil rekonstruieren kann. Gesagt sei aber auch, dass ich im Laufe der nächsten Zeit diverse Informationen nachreichen werde.
Nach der Besichtigung des Dôjô (und einigen Erinnerungsfotos) hatten wir dann die Gelgenheit einige Schriftrollen zu sehen. Darunter auch eine sehr schöne Rolle zur Shingyôtô ryû und der Lehrlinie in Tokushima. Einige Bücher aus der Zeit der Gründung des Dai Nippon Butokukai sowie Fotos aus dem Privatbesitz von Tomura-san über seinen Großvater und die Schule rundeten den Dôjô-Besuch ab. Tomura-san war aber so angetan von unserem Besuch – und unserem Interesse an seinem Geburtstort – dass er uns anschließend ein wenig die Gegend zeigte. Erste Station war ein Schrein zu Ehren von Himiko – der Legende nach die erste namentlich genannte Herrscherin über das Land Yamatai, dem eventuellen Vorläufer von Yamato. Der Schrein war zwar sehr interessant – gerade der Aufstieg – doch das eigentliche Highlight war das fünfeckige Grab der oben genannten Himiko. Nach einer kurzen Fahrt konnten wir dann noch einige Nachbauten von Häusern aus der Jômon-Zeit bewundern, darunter zwei Wohnhäuser wie auch ein Speicher. Nach dieser kurzen Stippvisite in der Vergangenheit ging es dann über zu den kulinarischen Köstlichkeiten von Tokushima, die da wären: Keine! Richtig! Keine! Tomura-san meinte: „Wir haben viele leckere Dinge, doch eine lokale Spezialität gibt es so nicht. Wir aus Tokushima sind bekannt dafür, dass wir soviel essen können! Daher gewinnen unsere Teilnehmer auch immer bei den vielen Esswettbewerben im Land“. Tja, gesagt, getan: Ab ging´s in ein lokales Udon-Restaurant. Und ich muss sagen: Das waren die besten Udon die ich bis jetzt gegessen habe. Insbesondere der Zitrus-Saft hat dem ganzen das gewisse Etwas verliehen. Zudem konnte man nicht nur die einfache und doppelte Portion bestellen, sondern bis zur fünffachen Menge an Udon und Fleisch seine Bestellung aufgeben! Und Laut Besitzer kommt dieses öfter vor als dass die normale Portion bestellt wird. Also, verhungern wird man mit Sicherheit nicht in Tokushima…
Die Zeit verging wie im Fluge und in etwas mehr als drei Stunden sollte unser Flieger zurück nach Tôkyô gehen. Zuvor wollten wir allerdings noch im Ôtsuka Kokusai Bijutsukan, dem „Ôtsuka Kuntmuseum“, vorbeischauen. Das Museum wurde zum 75. jährigen Bestehen des Ôtsuka Konzerns gegründet und beherbergt auf knapp 30.000 m² – der größten Ausstellungsfläche Japans – mehr als 1000 Replikas von bekannten Meisterwerken, darunter einer Nachbildung der Sixtinischen Kapelle, der Mona Lisa oder dem Schrei von Edvard Munch – insgesamt Kunstwerke aus mehr als 25 Ländern, aus über 190 Museen. Alle Kunstwerke wurden in Originalgröße und so nah am Original wie möglich von der Ôtsuka Ohmi Cheramics repliziert, mit einem Verfahren namens „Keramische Reproduktion“. Falls sich jemand dafür interessiert, hier der Link zum Museum: Ôtsuka Kunstmuseum
Wenn man so vor dem Museum steht ist es schon sehr beeindruckend. In den Berg gebaut, mehrere Stockwerke, Außengelände, etc. Gleich gegenüber des Museum – ebenfalls von Ôtsuka gebaut – ein Hotel. Da nicht besonders viel los war – jedenfalls auf den ersten Schein – hatte dieser Anblick etwas von dem übertriebenen Materialismus den man sonst nur aus Nord-Korea kennt. Das Museum jedenfalls ist nicht gerade günstig: Der Eintritt für einen Erwachsenen beläuft sich auf 3.150Yen – für jap. Museen doch schon sehr kostspielig. Aber: Es lohnt sich. Natürlich, man bekommt jetzt nicht die echte Mona Lise zu Gesicht, aber wo auf der Welt kann man sonst soviel Kunst – bzw. so gut gemacht Replika – auf so engem Raum bewundern? Man sollte sich allerdings ein wenig Zeit nehmen – sonst wird man von der schieren Menge an Kunstwerken erschlagen, insbesondere, da von der Antike bis zur Moderne die komplette Bandbreite an gemalter Kunst behandelt wird.

Nun, was bleibt abschließend also zu sagen? Zunächst einmal, dass selbst so – auf den ersten Blick – unscheinbare Orte wie Tokushima doch eine Menge zu bieten haben. Vorausgesetzt, man hat Zeit und auch ein gewisses Maß an Mobilität. Der Nahverkehr ist per Bus zwar relativ gut ausgebaut, doch Züge verkehren zwischen den Städten Tokushima und Naruto (dem Start der 88. Tempeltour) nur jede Stunde. Das Essen ist günstiger als in den Ballungsgebieten und insbesondere Fleisch und Milchprodukte lassen sich gut beziehen. Wenn man also im Besitz eines Railpassen ist – oder die gute Anbindung per Flug nutzen möchte – dem würde ich einen Kurztrip nach Tokushima gerne ans Herz legen. Ich werde bestimmt noch einmal zurückkehren, dann allerdings mit meiner Trainingsausrüstung im Gepäck.

Yours in Budô,
Micha

Nun, eigentlich gefällt mir der Titel nur bedingt, trifft es den Kern dieses Eintrags doch nur zum Teil. Obwohl mir „Hinrichtung und Folter in der Edo-Periode“ eher passgenau erschien, beließ ich es bei obigem. Nicht, dass noch die falschen Leute auf diesen Blog gezogen werden..
Am gestrigen Mittwoch hatte ich mir etwas eher makaberes vorgenommen: Die Meiji Universität hat eine Daueraustellung zum Thema Kriminalistik und Rechtsprechung mit einigen interessanten Exponaten und Schriftstücken, darunter Gesetzestexte, Verbrecherstatistiken und viele, viele Utensilien zur Festhaltung, Inhaftierung, Folter und Hinrichtung von Strafgefangenen.

Ich möchte an dieser Stelle nicht zu sehr ins Detail gehen, sondern auf den wie ich finde sehr guten englischen Blog JAPAN THIS! verweisen, welcher sich normalerweise mit der Geschichte Tôkyôs und den einzelnen Stadtteilen beschäftigt.

Im vorliegenden Fall hat der Herausgeber im Zuge eine Serie von Artikeln die drei großen Orte für Hinrichtungen in direkter Nähe zur Hauptstadt Edo beschrieben. Dabei handelt es sich um die Orte Suzugamori (Shinagawa), Kozukappara (Minami-Senjû) und Denma-chô.

Der erste Artikel bietet eine leichte Einführung in das Thema und lässt sich hier finden.

Die nächsten drei Artikel befassen sich mit den oben beschriebenen Orten. Als Warnung: Manche der Fotos sind nicht schön. Gekreuzigte und auf Pfählen Aufgespießte sind nicht jedermanns Sache. Gleiches gilt für die Fotos, die ich weiter unten im Artikel eingepflegt habe, obwohl ich darauf achtete, nicht zu sehr in die Ekelkiste zu greifen. Man verzeihe auch die teils schlechte Aufnahmequalität. Die Belichtung war nicht die Beste und im Zoombereich war es wirlich anstrengend gute Fotos zu machen. Einige Exponate stammen übrigens auch aus anderen Ländern, darunter ein Buch aus Österreich, eine eiserne Jungfrau sowie eine Guillotine.

Artikel Nr. 1: Suzugamori Shikeijô

Artikel Nr. 2: Kozukappara Shikeijô

Artikel Nr. 3: Das Gefängnis in Denma-chô

Warum also ein Artikel über Hinrichtung und Folter? Und wieso ein Besuch im Kriminalmuseum? Nun – ganz einfach: Weil es dazu gehört. Die schöne, tolle Samuraiwelt mit all ihrem Zen, Blumenstecken und Tee-Trinken ist nur eine Facette (ist sie es wirklich?) einer Gesellschaft, die strengsten Regeln und Normen unterlag und noch immer unterliegt. Dieses „an die Regeln“ halten kann man selbst heutzutage noch beobachten, wenn man sich einfach mal anschaut, wie die Japaner erzogen und auf Gehorsam getrimmt werden. Keiner tanzt aus der Reihe, und wenn doch – siehe den armen Juristen der einen Brief an den Tenno überreicht hat – hagelt es Schelte von allen Seiten. Der Nagel der übersteht wird eingeschlagen – der wohl treffendste Satz zu dem Thema. Das die Japaner nicht zimperlich waren, kann man an den obigen Artikeln und den Fotos erkennen. Ein System, welches auf das strikte Einhalten von Regeln fixiert ist, kann sich keine Auswüchse leisten – denn dann würde es Kratzer bekommen. Ohne Kontrolle keine Ordnung, ohne Ordnung keine Sicherheit.

Mag in der heutigen Zeit gar nicht mal so weit hergeholt sein.

Yours in Budô,

Micha

Ps: Wer sich die Ausstellung gerne einmal anschauen möchte: Das Uni-Gebäude befindet sich in geringer Reichweite zur JR-Station Ochanomizu. Das Museum ist im Keller des Hauptgebäudes angesiedelt. Der Eintritt ist kostenlos.

Nach dem Tod von Iizasa Morisada, dem 18. Sôke der Tenshin Shôden Katori Shintô ryû im Jahre 1896, oblag die Leitung der Schule über einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren seiner Frau sowie einer Gruppe von neun leitenden Lehrbeauftragten unter der Führung von Yamaguchi Kumajirô. Durch die immer wieder aufkommende Legitimationsfrage, sowohl seitens einiger schulexterner wie auch schulinterner Lager, scheint es sinnvoll zu sein, die moderne Geschichte der Schule nach dem Tode Morisada-senseis ein wenig genauer unter die Lupe zu nehmen. Dieser Artikel ist nur eine Kurzfassung dessen, was in den nächsten Jahren in umfassender Form publiziert werden soll. Nicht unter dem Deckmantel der Diffamierung – wie es in der Vergangenheit bereits der Fall war – sondern zur Aufklärung und zum Wohle und dem Fortbestand der Schule. Ich betone nochmals, dass der folgende Text nicht vollständig ist.

Einleitung

Durch die Gründung der Nihon Kobudô Shinkôkai im Jahre 1935 und die im Laufe der Nationalisierung wieder erstarkten Ansichten bezüglich den klassischen Kampfkünsten, gerieten jene immer weiter in den Fokus der Öffentlichkeit und fanden sich zusehends auch in den Lehrplänen diverser staatlicher Schuleinrichtungen und Ausbildungsstätten des Militärs wieder. So war es Sugino Yoshio, der erstmals Shintô ryû an diversen Volksschulen in und um Tôkyô unterrichtete, oftmals auch an rein weiblichen Schulen. Dieser Zeit gegenüber stand die Ausübung der Schule in Chiba am Katori-Jingû. Nach dem Tod des 18. Sôke Morisada-sensei und dem Umstand, dass es keinen leiblichen Erben zur Forführung der Schule gab, oblag die Obhut der Schule bei dessen Frau und einem Komitee neun leitender Shihan. Die Mitglieder waren: Yamaguchi Kumajirô, Kamagata Minosuke (welcher auch als offizieller Vertreter und Verwalter fungierte), Tamai Kisaburo, Shiina Ichizô, Itô Tanekichi, Kuboki Sozaemon, Isobe Kôhei, Hayashi Yazaemon und Hongû Toranosuke. Letztere zwei Herren waren am grossen Enbu zu Ehren des Tennô, dem Tenran Jiai, anwesend um dort die Schule zu repräsentieren.

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Obwohl die technischen Aspekte der Schule durch die Lehrerlinie weitergeben wurden, blieb nach dem zweiten Weltkrieg wenig davon übrig. Gab es vor dem Krieg eine hohe Anzahl von Lehrbefugten, so verringerte sich deren Zahl zusehends und mit dem Tod von Hayashi-sensei blieben nur zwei Shihan der Schule übrig. Obwohl man nicht von zwei unterschiedlichen Linien sprechen darf, so sind (augenscheinlich) Unterschiede in der technischen Ausführung doch klar zu erkennen. Diese Unterschiede sind aber nicht in den Kategorien von gut oder schlecht einzuordnen, sondern spiegeln die persönliche Entwicklung der jeweiligen Lehrer auf Basis ihrer Ausbildung und Erfahrung wieder. Wie auch damals, gibt es heutzutage unterschiedliche Arten und Weisen, wie die Shintô ryû ausgeführt wird, doch in ihrem Kern basieren sie alle auf der gleichen, allumfassenden Lehre.

Überblick über die Zweigstellen der Shintô ryû um das Jahr 1902

Aus der Hand von Yamaguchi Kumajirô stammt das Kongen no maki, eine Niederschrift über die Geschichte der Schule, veröffentlicht vom Honbu-Dôjô im Jahre 1902. Im Impressum finden sich nicht nur allgemeine Informationen zur Verwaltung des Honbu-Dôjô in Chiba, sondern auch zu den damaligen Shibu-Dôjô, den Zweigstellen der Schule. Im Jahr der Veröffentlichung gab es acht weitere (gelistete) Dôjô neben dem Honbu, in denen die Shintô ryû praktiziert worden ist. Im Folgenden eine Auflistung:

  1. Tenshin Shôden Katori Shintô ryû Honbu – Zuständige: Tamai Kôhei, Hongû Toranosuke, Kuboki Sozaemon.
  2. Tenshin Shôden Katori Shintô ryû ShibuHôkokukan – Leitung: Kamagata Minosuke
  3. Tenshin Shôden Katori Shintô ryû ShibuShinbukan
  4. Tenshin Shôden Katori Shintô ryû ShibuSeibukan
  5. Tenshin Shôden Katori Shintô ryû ShibuMarishiten-kai – Verantwortliche: Tsuchiya Gennosuke, Tsuchiya Matsutarou
  6. Tenshin Shôden Katori Shintô ryû ShibuKôbukai
  7. Tenshin Shôden Katori Shintô ryû ShibuYôunkan – Leiter: Isobe Ichitarô
  8. Tenshin Shôden Katori Shintô ryû ShibuMarishiten-kai – Verantwortlicher: Hayashi Sadayoshi, Kase Tôsuke
  9. Tenshin Shôden Katori Shintô ryû ShibuMarishiten-kô – Verantwortliche: Kase Seiji, Kase Yasutarô

Ungefähr zehn Jahre später kam zudem ein weiteres Dôjô in Tôkyô hinzu, unter der Leitung von Kaneko Masamitsu (später dazu mehr).

Die Zeit um die Jahrhundertwende war zudem geprägt von einiger Vorführungen von bedeutsamen Charakter: Im Jahre 1897 (Meiji 30) kam es im Saineikan, dem Dôjô auf dem Gelände des Kaiserlichen Palastes in Tôkyô, zu einer Vorführung im Beisein des Meiji-Tennô. 1912 (Meiji 45) vollzog der Kronprinz eine Schreinfahrt zum Katori-Jingû, in derem Zuge ebenfalls eine Vorführung abgehalten worden ist. Schüler der Shintô ryû zeigten Techniken aus dem Tachijutsu, Naginatajutsu, Bôjutsu sowie Iaijutsu in Rüstung und mit scharfer Klinge. Diese Vorführung sollte 1913 (Taishô 2) nochmals wiederholt werden.

Choisai-sensei

Genealogie

Mit dem Tod von Morisada-sensei im Jahre 1896 kam es zu einigen Verschiebungen innerhalb der Lehrlinie. Wie bereits erwähnt, oblag die Obhut der Schule bei den 9. Shihan. Shiigi Munenori spricht in seinem Buch von folgender (nicht vollständiger) Lehrlinie:

Iisasa Morisada (sieben direkte Schüler): Yamaguchi Kumajirô Eikan Mairaku / Tamai Saidô / Noguchi Jizaemon / Ono Heishichirô Moriichi / Shiina Ichizô / Hongû Toranosuke / Kaneko Shinoshô.

Ausgehend von Morisada-sensei Schülern ergeben sich folgende Linien:

Yamaguchi Kumajiô Eikan Mairaku (vier Schüler angegeben + deren Schüler):

  1. Yamada Genjirô – Yamada Katsujirô
  2. Hirano Gôrô
  3. Hayashi Sakunosuke – Yamada Genjirô – Yamada Katsujirô
  4. Hayashi Saiichirô – Hayashi Yazaemon – Ôtake Risuke

Tamai Saidô (keine Schüler angegeben)

Noguchi Jizaemon (ein Schüler angegeben): Hirano Gôrô

Ono Heishichirô Moriichi (keine Schüler angegeben)

Shiina Ichizô (zwei Schüler angegeben):

  1. Sugino Yoshio
  2. Torigae Yoshi

Hongû Toranosuke (vier Schüler angegeben):

  1. Shiigi Keibun
  2. Mochizuki Minoru
  3. Itô Kikue
  4. Sakamoto Toranosuke

Kaneko Shinoshô – Yamada Genjirô – Yamada Katsujirô

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Die Reise der Olive Lloyd-Baker

Olive Lloyd-Baker wurde 1902 in Gloucestershire, England, geboren und galt bis zu ihrem Tod im Jahre 1975 als einflussreiche Person in der Region ihres Geburtsortes. In der Mitte des Aprils 1927 kam sie für einige Zeit nach Japan und fand Unterkunft im Kaiserlichen Hotel. Durch einen Kontakt von Frau Noguchi Utako, einer Mitarbeiterin der englischen Botschaft, gelangen sie und ihre Lehrerin Frau Janes in das Dôjô von Kaneko Masamitsu, bei dem sie ihr Training Anfang Mai begannen. Dort lernten sie nicht nur die Techniken des Judô kennen, sondern liessen sich darüber hinaus auch in den Waffenkünsten der Shintô ryû ausbilden, hier inbesondere an den Techiken der Naginata. Das Judô-Training fand jeden Morgen von 10:00 Uhr bis 12:00 Uhr statt. Kaneko-sensei wird selbst einige Jahre früher (1913) in den Zeitungen erwähnt, im Zuge eines Berichts über eine Mutprobe in seinem Dôjô, die bei Nacht an einem von „Geistern umgebenen Platz“ im Stadteil Meguro stattfinden sollte. Dabei ging es um einen „Test der Leber/des Herzen“ oder im Japanischen Kimo no damashii genannt. Man verwendet diesen Begriff, wenn man auf den Mut oder die Courage von jemandem hinweisen möchte. Ebenfalls in diesem Artikel aus dem Jahre 1913 wird der Name Katori Shintô ryû erwähnt, allerdings in einer Schreibweise, die eher nach 1942 Verwendung fand und uns heute gut bekannt ist: 香取神道流. Es wird vermutet, dass Kaneko-sensei eigentlich in Chiba geboren worden ist, dort die Techniken der Schule lernte und später nach Tôkyô umzog. Wie wir bereits erkannt haben, gab es um die Zeit von 1900 eine Vielzahl von Shibu-Dôjô. Es wäre daher äußerst naheliegend, dass er entweder aus diesen Dôjô entsprang oder direkt im Honbu-Dôjô unterricht worden ist. Sein Dôjô befand sich im Stadtteil Ushigome Kitamachi, heutiger Stadtteil Shinjuku, Ortsteil Kagurazaka.

Wie lange die beiden jungen Frauen in Japan Unterricht genommen haben, ist nicht ganz klar. Fakt ist jedoch, dass Jahrzehnte vor Donn F. Draeger bereits zwei andere Ausländer die Techniken der Schule erlernten, sei es auch nur für einen kurzen Zeitraum. Somit hätte die lange Tradition ausländischer Schüler bereits im Jahre 1927 ihren Anfang genommen. Ebenfalls wäre damit gesagt, dass die Schule ebenso im Jahr 1913 in der Hauptstadt bekannt war, mit einem festen Sitz unter einem lizensierten Lehrer.

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Die Gründung des Kôdôkan Kobuô Kenkyûkai

Als Kanô Jigoro im Jahre 1928 seine Studiengruppe zum Kobudô innerhalb des Kôdôkan gründete (Kôdôkan Kobudô Kenkyûkai), waren es die vier Herren Shiina Ichizô, Tamai Kisaburô, Kuboki Sozaemon und Itô Tanekichi, die in regelmässigen Abständen Shintô ryû an jenem Ort unterrichten sollten. Sugino Yoshio und Mochizuki Minoru kamen dort erstmalig mit den Techniken der Schule in Berührung.

Die Gründung der Nihon Kobudô Shinkôkai im Jahre 1935

Obwohl Sugino Yoshio-sensei zu dem Zeitpunkt selbst einer der leitenden Lehrer der Schule war, konzentrierte sich sein Handeln überwiegend auf die Stadt, welches aber nicht bedeutete, dass er sich aus den Pflichten der Schule gegenüber herausnahm. Mehrere Ereignisse untermauterten seine Stellung innerhalb der Schule, darunter einige sehr prestigeträchtige Vorführungen in der Hauptstadt oder die Tatsache, dass er einen engen Kontakt zur Nihon Kobudô Shinkôkai pflegte und bei deren Gründung ebenfalls anwesend war. Zu diesen Ehren wurde im Jahre 1935 (Shôwa 10), dem Jahr der Gründung der Nihon Kobudô Shinkôkai, eine Reihe grosser Kobudô-Enbu ausgetragen, bei denen als eine der Hauptschulen auch die Shintô ryû anwesend war. Es wurde gezeigt: Kenjutsu, Iaijutsu, Bôjutsu sowie Naginatajutsu. Die Vorführenden waren u.a: Kamagata Minosuke, Tamai Saidô, Shiina Ichizô, Tsukamoto Rikinosuke, Hoshina Nenosuke, Sugino Yoshio,  Tsubaki Teizô, Hirano Jûji, Akiyama Isao, Shiina Daigaku und Itô Kikue (die Co-Autorin des „Budô Kyôhan). Interessant an dieser Auflistung ist, dass Frauen ebenfalls Teilnehmer der Vorführung waren.

Insgesamt gab es im Jahre 1935 vier Enbu seitens der Nihon Kobudô Shinkôkai: Das erste fand am 01. April im Hibiya Kôkaidô in Tôkyô statt, gefolgt von einem Weiteren am 5. Mai am Iseyama Kôtai Jingû in Yokohama. Zwei weitere Enbu fanden am 11. Juli am Kashima Jingû sowie am 12. Juli am Katori Jingû statt.

Shôwa Tenran Jiai

Bei den Shôwa Tenran Jiaihandelt es sich es sich um drei Wettkämpfe aus den Jahren 1929, 1930 und 1940 im Beisein des Shôwa-Kaisers Hirohito.  Im Zuge dieser Wettkämpfe, die primär dem Kendô und Judô zugeschrieben wurden, gab es auch einige zusätzliche Vorführungen. So hat Nakayama Hakudô beispielsweise im Jahre 1929 zusammen mit Takano Sasaburô die „Dai Nippon Teikoku Kendôkata“ (die Kendô-Kata des Grossjapanischen Kaiserreiches) vorgeführt, 1930 das Tameshigiri sowie 1940 eine Darbietung des Hasegawa Eishin ryû Iai.

Von Seiten der Shintô ryû waren die Herren Hongû Toranosuke (Ukedachi) und Hayashi Yazaemon (Kirikomi) anwesend. Neben der Jikishinkage ryû, welche ihr Naginatajutsu zeigte, war die Shintô ryû die einzige Schule, welche dem Gebiet der klassischen Schulen entsprang. Das Enbu umfasste ausschliesslich eine Demonstration der Kenjutsu-Kata aus den Sets des Omote no Tachi (Kata: Itsutsu no Tach, Nanatsu no Tachi, Kasumi no Tachi, Hakka no Tach), Gogyô no Tachi (Hotsu no Tachi), Gokui Shichijô no Tachi (Agenami no Tachi) sowie Ryôtô (Murakumo no Tachi). Das Tempo ist äusserst hoch und die dargebotenen Kata sind oftmals nicht leicht zu verfolgen. Bei der Demonstration der Ryôtô-Kata scheint es, als würde Hayashi-sensei von Hongû-sensei getroffen. Zudem kann man bei beiden Unterschiede in den Ausführungen der Technik und den Kamae erkennen.

Der Besuch der Hitlerjugend in Japan, 1938

Am 16.08.1938 erreicht eine 22 köpfige Gruppe der Hitlerjugend (mit Betreuer knapp 30 Personen) im Zuge des Japanisch-Deutschen Jugendaustauschs den Hafen von Yokohama und verliess das Land wieder nach einem dreimonatigen Aufenthalt am 12.11.1938 vom Hafen Kobe aus. Während ihrer Zeit in Japan bereiste die Gruppe das gesamte Land, darunter die Stadt Sapporo auf Hokkaidô, Ôsaka, Gifu, Nagoya Tôkyô, Kumamoto und Miyazaki auf Kyushû sowie einige weitere Orte. In Gifu, genauer gesagt in der Stadt Seki, besuchte die Gruppe z.B. eine Schmiede und war ebenfalls anwesend bei einer Vorführung der Schmiedekunst.

Am 15. September 1938 kam es zu einer Kobudô-Darbietung im Kokumin Taiikukan,  der Nationalsporthalle in Hitotsubashi, Stadtteil Kanda in Tôkyô, bei der verschiedene Stile vorgestellt wurden. Ebenfalls an diesem Tag hat die Gruppe dem Yûshûkan, dem ältesten Kriegsmuseum Japans am Yasukuni-Jinja, einen Besuch abgestattet. Der genaue Ablauf lautet wie folgt:

  1. Besuch des Kriegsmuseum am Yasukuni (Yûshûkan)
  2. Nihontô Tanrensho – Schmiedevorführung
  3. Mittagessen mit dem Minister für Bildung und Erziehung Araki
  4. Kobudô-Vorführung
  5. Besuch des Mitsukoshi Departmentstore in Ginza, Tôkyô

Die Kobudô-Vorführung began um 14:30 Uhr und endete um 15:40 Uhr. Organisiert wurde sie von der Vereinigung für japanische Kultur. Zu Beginn gab es eine shintôistische Zeremonie mit anschliessender Rede von Koyama Matsukichi, dem Direktor der Vereinigung. Die vorführenden Schulen waren:

  • Takeda ryû (Jingaijutsu) – Kanno Yubu
  • Heki ryû (Kyûjutsu) – Doi Hikotaro
  • Tatsumi ryû (Iaijutsu) –  Kato Hissashi
  • Shinnoshindô ryû (Jûjutsu) – Suzuki Takeyo und Imai Kaneko (beides Frauen), Imai Fukutaro, Imai Ryojiro
  • Tendô ryû (Naginatajutsu)    – Takakuwa Uchiko und Aoki Taeko (beides Frauen)
  • Shinkage ryû (Jûjutsu) – Takisawa Tsunesaburo und Sato Shijirô
  • Shintô Musô ryû (Jôjutsu) –  Shimizu Ryûji
  • Ikkaku ryû (Jittejutsu) – Miyakawa Tatsuzo
  • Isshin ryû (Kusarigamajutsu) – Katsumi Keiichi
  • Sosuishitsu ryû (Jûjutsu) – Sugiyama Shotaro
  • Katori Shintô ryû (Tachijutsu, Bôjutsu, Sôjutsu) – Shiina Ichizô, Sugino Yoshio, Sugino Kimiko (die jüngere Schwester von Sugino Yoshio), Sugino Akio (ältester Sohn Yoshio Suginos aus erster Ehe) sowie Sugino Shigeo (ältester Sohn Yoshio Suginos aus zweiter Ehe).
  • Negishi ryû (Shurikenjutsu) – Horikoshi Gengi
  • Heki ryû (Kudayajutsu) – Ouchi Giichi

Die momentane Situation

Momentan gibt es zwei Dôjô die offiziell die Erlaubnis erteilt bekommen haben, Shintô ryû zu unterrichten. Dabei handelt es sich um das Dôjô von Ôtake Risuke in Narita sowie das Dôjô von Sugino Yukihiro in Kawasaki. Ein weiteres Dôjô unter der Leitung von Shiigi Munenori steht (nach jetzigem Kenntnisstand) nicht in direkter Verbindung zum Sôke. Ein Indiz dafür ist die unterschiedliche (alte) Schreibweise der Schule 神刀流 anstatt 神道流. Shiigi Munenori hat unter seinem Vater gelernt, welcher wiederum bei Hongû Toranosuke in die Lehre ging. Shiigi-sensei ist Sôke des Ichigidô, einem System welches Techniken unterschiedlicher Schulen vereint (Shintô ryû, Kashima Shintô ryû, Ono-ha Ittô ryû, Takenouchi ryû Iai). Zudem hat er in den letzten Jahren vermehrt duch seine Publikationen größere Bekanntheit erlangt. Desweiteren ist anzumerken, dass er für einige Zeit bei Ôtake-sensei Unterricht genommen hat.

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Wie bereits erwähnt hat Sugino Yoshio die Shintô ryû zuerst im Kôdôkan und später im Honbu-Dôjô gelernt. Ôtake Risuke hat indes direkt unter Hayashi Yazaemon gelernt. Das Training fand nicht im Honbu-Dôjô statt, sondern auf dem Privatgrundstück von Hayashi-sensei in Asahi, Chiba.

An dieser Stelle endet der Artikel – vorerst. Eventuell wird es in den nächsten Monaten eine Fortsetzung geben.

Yours in Budô,
Micha

Kulturbotschafter 201X

Mei, das war ein wirklich schönes Enbu! Organisiert von der Tatsumi ryû, fand am letzten Donnerstag das 28. Kobuô Enbu am Nitta Jinja in Ôta-ku, Tôkyô, statt. Es waren zwar nur drei Schulen mit von der Partie – darunter die bereits erwähnt Tatsumi ryû sowie die Chikubujima ryû um Matsuura-sôke sowie die Tennen Rishin ryû aus Ibaraki um Ôtsuka-sensei, doch ließ es die Tatsumi ryû sich nicht nehmen, einen weiten Einblick in ihre Schule zu geben. Die beiden anderen Schulen zeigten ebenfalls mehr als nur das Standardprogramm. So konnte man von der Chikubujima ryû sowohl die Omote wie auch die Ura und Oku-Kata der Schule bewundern.

Die Tatsumi ryû zeigte einige ihrer Kata nach den Prinzipien von Jo-Ha-Kyû. Jeder Vorführung ging eine kurze Erklärung der Kata und Charakteristika der jeweiligen Schule vorweg.

Besonders interessant war natürlich das Tatsumi ryû Enbu, da ich diese Schule bis dato in dem Umfang nicht bewundern konnte. Das Iai, oder besser gesagt das Ziehen des Schwertes, ist wohl eines der Hauptmerkmale der Schule. Sehr interessant war der Umgang mit den Langwaffen sowie das Shurikenjutsu. Insbesondere das Sôjutsu hat es mir angetan. Die Vorführung der Chikubujima ryû war auch sehr spannend – wie schon in Kashima.

Anbei das Programm:

  1. Tatsumi ryû – Kihon: Ketauchi, Mawashiuchi, Mawariuchi
  2. Tatsumi ryû – Kenjutsu (Jo)
  3. Tatsumi ryû – Tachiai (Ha)
  4. Tatsumi ryû – Hanbô (Länge ca. 120cm)
  5. Tennen Rishin ryû – Kenjutsu (Kata stammen aus der Kashima Shintô ryû)
  6. Tatsumi ryû – Igumi (Jo – Sitzformen)
  7. Tatsumi ryû – Naginata
  8. Tatsumi ryû – Yawara
  9. Tatsumi ryû – Tameshigiri
  10. Tennen Rishin ryû – Iaijutsu
  11. Chikubujima ryû Bôjutsu – Omote no kata
  12. Tatsumi ryû – Kenjutsu (Ha)
  13. Tatsumi ryû – Kenjutsu Gogô no Kata
  14. Tatsumi ryû – Igumi (Ha)
  15. Tatsumi ryû – Kata Shiai
  16. Tatsumi ryû – Shurikenjutsu (sowohl mit als auch ohne Schwert. Interessante Schreibweise innerhalb der Tatsumi ryû: 四寸鉄刀 – normalerweise: 手裏剣)
  17. Tatsumi ryû – Sôjutsu (Schwert gegen Yari)
  18. Tatsumi ryû – Tachiai – Igumi (Kyû)
  19. Tatsumi ryû – Tachiai (Kage: Shoden, Honden, Betsuden – drei verschiedene Arten der Kataausführung)
  20. Chikubujima ryû Bôjutsu – Sôke Enbu – Ura no Kata, Oku no Kata
  21. Tennen Rishin ryû – Kanchô Enbu – Kenjutsu Kumitachi
  22. Tatsumi ryû – Sôke Enbu – Tachiai

Anbei einige Fotos. Direkt am Schrein gab es ein kleines Museum (Fotos). Dank der Verglasung konnte ich leider nicht so gute Photos machen. Trotzdem war es sehr interessant, insbesondere die Makimono sowie die Wandbilder.

Und ein Video:

Yours in Budô,

Micha

ps: Ich wurde nach dem Enbu wieder auf meine Herkunft angesprochen, und wieso ich an jenem Tag ausgerechnet in Nitta war. Interesse an Budô, Kultur, etc. Gleiches ist mir schon in Kashima passiert. Nun, die Dame die mich angesprochen hatte, arbeitet für das örtliche Tourismusbüro und hat großes Interesse daran, die örtliche Kultur insbesondere Ausländern näher zu bringen. In Kashima das gleiche in grün. Mal schauen wohin das Ganze noch gehen wird. Meine Visitenkarte haben jedenfalls beide bekommen…

The show must go on…

Seit vier Jahren nun findet alljährlich im Herbst das Enbu der Nihon Kobudô Kyôkai am Kashima Schrein (Kashima Jingû) in der Präfektur Ibaraki statt. Das Wetter zeigte anfangs zwar noch auf Regen, doch war es ein sehr angenehmer und trockener Tag, obwohl es die Nacht davor und am frühen Morgen noch ordentlich geschüttet hatte.

In diesem Jahr haben sich 33 Schulen eingefunden, um der Gottheit des Schreins – Takemikazuchi no Ôkami – ihre Aufwartung zu machen. Wie auch der Katori Schrein in der Präfektur Chiba, so hat der Kashima Schrein eine unweigerliche Bindung zu den klassischen Kampfkünsten. Tsukahara Bokuden, einer der berühmtesten Schwertkämpfer in der japanischen Geschichte, lernte die Techniken des Kashima no Tachi – der (manchmal auch als mystisch bezeichneten) Techniken des Schwertes von Kashima. Eine Legende besagt, dass sowohl die Gottheit aus Kashima, wie auch jene aus Katori (Futsunushi no mikoto), von einer anderen Gottheit mit Namen Marishiten in den Kriegskünsten unterrichtet worden sei. Diese Art der Kriegskunst sollen jene dann wiederum an Iizasa Chôisai – Begründer der Katori Shintô ryû – und Tsukahara Bokuden weitergegeben haben. Interessant ist hierbei, dass der Ursprung der Schwerttechniken beider Schulen – laut Legende – auf Marishiten beruhen, einer Gottheit aus dem Mahayana bzw. Vajrayana-Buddhismus. Aber ich schweife ab…

Unter diesen 33 Schulen waren auch einige, die zum ersten Mal mit dabei waren, darunter die Taisha ryû, die Chikubujima ryû sowie die Toda ryû. Alle drei Enbu haben mir persönlich sehr gut gefallen – insbesondere jenes der Taisha ryû. Der letzte Sôke, Yamakita-sensei, ist leider im Februar diesen Jahres verstorben. Seine Schüler sind aber mit sehr viel Eifer und Elan dabei, die Schule für die nächsten Generationen zu bewahren und weiterzugeben. Die Chikubujima ryû hat mich auch sehr beeindruckt, war es doch das erste Mal, dass ich sie live auf einem Enbu sehen konnte. Durch meinen Kontakt zum Shibu-Leiter in Tôkyô hatte ich zudem das Vergnügen, den aktuellen Sôke kennenlernen zu dürfen.

Ebenfalls mit von der Partie war die Shingyôto ryû aus Kameyama. Wie in meinem letzten Beitrag geschrieben, hatte ich bereits Kontakt zur Schule und freut mich daher sehr, als Kobayashi-sensei mich wiedererkannte. Ich war vor einigen Wochen zwecks Recherchen im Nationalmuseum hier in Tôkyô und hatte dabei ein Densho der Shingyôtô ryû gefunden. Ich fertigte eine Kopie an und brachte hiervon eine weitere mit nach Kashima um sie Sensei zu geben. Er war sehr erfreut und stellte mir im Zuge dessen einen seiner Schuler vor. Dieser ist Historiker und hat mir seine Hilfe in Bezug auf meine Recherchen über die Shintô ryû angeboten (hier soll es nämlich eine Verbindung zwischen der Shintô ryû und der Shingyôtô ryû geben).

Den Auftakt machte – wie in jedem Jahr – die „Hausschule“ des Schreins, die Kashima Shintô ryû um Yoshikawa-Sôke. Ein Bekannter von mir war ebenfalls mit von der Partie und zeigte die Omote no Tachi. Nachdem Enbu ergab sich ein kurzes Gespräch, indem ich das Honbu-Dôjô der Schule erwähnte. Es folgte eine Einladung und – wenige Minuten nach der letzten Vorführung – ging es zum Honbu-Dôjô der Schule, einem 120 Jahre alten Gebäude aus Holz, im Besitz der Yoshikawa-Familie und in Fußreichweite vom Schrein entfernt. Oh, das war wirklich toll. Sehr klein, schöner Holzfußbuden, genau mein Fall! Dieses Dôjô kommt auf jedenfall mit auf die Liste für meine Rubrik „Das Dôjô: Kampf. Kunst. Kultur“.

Anbei mal der Zeit- und Schulplan:

10:15 Kashima Shintô ryû 鹿島新當流剣術
10:23 Okinawa Gojû ryû Bujutsu沖 縄剛柔流武術
10:31 Kanemaki ryû Battôjutsu 鐘捲流抜刀術
10:39 Shingyôtô ryû Kenjutsu 心形刀流剣術
10:47 Hôki ryû Iaijutsu 伯耆流居合術
10:55 Daitô ryû Aikijûjutsu Takumakai 大東流合気柔術琢磨会
11:03 Taisha ryû Kenpô タイ捨流剣法
11:11 Hôzôin ryû Takada-ha Sôjutsu 宝蔵院流高田派槍術
11:19 Chikubujima ryû Bôjutsu 竹生島流棒術
11:27 Tôda ryû Kenjutsu 當田流剣術
11:35 Enshin ryû Iai Suemono Giri Kenpô 円心流居合据物斬剣法
11:43 Kiraku ryû Jûjutsu 気楽流柔術
11:51 Sekiguchi ryû Battôjutsu 関口流抜刀術
11:59 Shingetsu Musô Yanagi ryû Jûjutsu 心月無想柳流柔術
12:07 Yagyû Shinkge ryû Heihô Kenjutsu 柳生新陰流兵法剣術
12:15 Jikishinkage ryû Naginatajutsu 直心影流薙刀術
12:23 Hokushin Ittô ryû Kenjutsu 北辰一刀流剣術
12:31 Araki ryû Kenpô 荒木流拳法
12:39 Kurama ryû Kenjutsu 鞍馬流剣術
12:47 Ryûkyû Ôke Hiden Motobu Udundi 琉球王家秘伝本部御殿手
12:55 Musô Jikiden Eishin rû Iaijutsu 無雙直傳英信流居合術
13:03 Tatsumi ryû Heihô 立身流兵法
13:11 Kingai ryû Karate Okinawa Kobujutsu 金硬流唐手沖縄古武術
13:19 Iga ryûha Katsushin ryû Jûjutsu 為我流派勝新流柔術
13:27 Shintô Munen ryû Kenjutsu 神道無念流剣術
13:35 Tenjin Shinyô ryû Jûjutsu 天神真楊流柔術
13:43 Muhi Muteki ryû Jôjutsu 無比無敵流杖術
13:51 Daitô ryû Aikijûjutsu 大東流合気柔術
13:59 Araki ryû Gunyô Kogusoku 荒木流軍用小具足
14:07 Tennen Rishin ryû Kenjutsu 天然理心流剣術
14:15 Hasegawa ryû Yawarajutsu 長谷川流和術
14:23 Tenshin Shôden Katori Shintô ryû Kenjutsu 天真正伝香取神道流剣術

Sandro – ein Bekannter von der Tennen Rishin ryû – führte ebenfalls mit seiner Gruppe vor. Mit ihm, seinen Senpai und einem weiteren Freund aus Tôkyô, ging es dann zurück Richtung Heimat.

Es war ein wirklich toller Tag in Ibaraki, auch wenn ich noch etwas angeschlagen war, dank einer sehr nervenden Erkältung. Ich konnte neue Kontakte knüpfen, Alte pflegen und vier Stunden lang einfach nur gutes Kobudô bewundern. Und das bei der Location!

Das nächste Enbu steht schon an: Nächsten Donnerstag in Tôkyô. Mit dabei: Tatsumi ryû und Chikubujima ryû! Und dann folgt Anfang November schon das Enbu am Meiji Schrein. Zwischendurch gibt es noch eine Fahrt nach Katori, auf die ich mich schon ganz besonders freue.

Anbei nun ein paar Fotos. Diverse Videos folgen in den nächsten Tagen.

Yours in Budô,
Micha

Wie im Beitrag über meine Fahrt nach Mie angekündigt, hier also ein Weiterer über die Shingyôtô ryû und das Enbujô aus der Rubik: „Das Dôjô. Kampf. Kunst. Kultur“

Kameyama ist der Sitz der Shingyôtô ryû, so wie sie von Yamazaki Setsuryûken im Jahre 1864 aus Edo nach Kameyama gebracht worden ist. Bei meinem Besuch im August 2013 konnte ich Dank Kobayashi-sensei, momentaner Lehrverantwortlicher, einen Blick in die Hallen des Dôjôs werfen.

Das alte Dôjô wurde von einem Bushi aus der Kameyama-han – Yamazaki Setsuryûken – im Jahre 1865 errichtet (Yamazaki war zum Zeitpunkt seiner Rückkehr nach Kameyama im Jahr 1864 37 Jahre alt). Yamazaki lernte Shingyôtô ryû im Iba-Dôjô (einem der vier großen Dôjô der Bakumatsu-Zeit) und wurde nach Erhalt der Menkyo Kaiden-Lizenz (er fungierte zudem als Shihan-dai, also als Lehrkraft im Dôjô) und der Rückkehr nach Kameyama Lehrer für Kenjutsu in der Kameyama-han.

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In der Lehrlinie der Shingyôtô ryû aus Kameyama nimmt Kobayashi-sensei, der Herr der mir freundlicherweise das Enbujô gezeigt hat, den 6. Platz als Shihan der Schule ein. 1865 beauftragte Ishigawa Fusanobu (15. Oberhaupt der Kameyama-han) Yamazaki mit dem Bau eines Budôjô, einem Ort zum Studium des Weg der Kriegskünste. Als Ort wählte er das heutige Minamino-chô. Yamazaki orientierte sich dabei an den baulichen Eigenschaften des Iba-Dôjô in Edo. Das Dôjô hatte dabei eine Grundfläche von 50 Tsubo (ca. 165m²). Von dieser Zeit an trug das Dôjô den Namen „Enbujô“. Bis zu jener Zeit wurden allerdings primär andere Schulen unterrichtet, darunter Yagyû Shinkage ryû sowie Kashima Shintô ryû, doch wurde dieses im Jahre 1870 duch ein Dekret von Ishikawa Noriyuki (16. Oberhaupt der Kameyama-han) geändert, welches besagte, dass von nun an nur noch die Shingyôtô ryû als einzige Schule für die Krieger der Kameyama-han gelehrt werden solle.

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Nach Abschaffung der Daimyate im Jahre 1871 gewährte man Yamazaki trotzdem die Forführung seines Unterichts, und selbst mit Verkündung des Haitôrei, der Aufhebung des Rechts zur Tragung des Schwertpaares in 1876, wurde der Unterricht fortgeführt. Mit eigenem Geld kaufte er Ausrüstung, darunter Keikogi, Shinai, Bogû, etc. und stellte sie seinen Schülern kostenfrei zur Verfügung, welches anhielt, bis sie selbst eine Anstellung gefunden hatten und die Kosten aufbringen konnten. Zur Instandhaltung und Verwaltung des Enbujô wurde eine Organisation mit Namen „Sekishinsha“ begründet, welche zum Teil von den Schülern verwaltet worden ist (und heutzutage immer noch existiert).

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Im Jahre 1882 wurde auf Geheiß des Sekishinsha das Dôjô-Gebäude in das heutige Honmaru-chô umgesetzt. Im Jahr 1893 kam es zu einem Vorfall und Yamazaki wählte den Freitod durch Seppkuku. Am 1. Oktober 1899 errichteten die Schüler ihm zu Ehren einen Grabstein, zu dessem Fuß sie das Tantô, mit welchem Yamazaki Seppuku beging, vergruben. Im Jahre 1907 wurde das Enbujô nochmals verlegt, dieses Mal jedoch an den Platz, an dem es auch heutzutage noch zu finden ist. 1950 wurde das Gebäude als Kulturgut der Stadt Kameyama ausgezeichnet. Im darauffolgendem Jahr wurde diese Ehre auch der Shingyôtô ryû zuteil.

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1970 zog die Präfektur Mie nach und erkannte ebenfalls die Schule als präfekturales Kulturgut an. Am 16. Januar 1985 ereignete sich allerdings eine Tragödie und das Dôjô fiel einem Feuer zum Opfer. Durch die Hilfe vieler Freiwilliger konnte das Dôjô jedoch wieder aufgebaut werden und drei Jahre später (1988) wiedereröffnet werden. Man orientierte sich dabei am alten Enbujô und versuchte den Neubau – von innen wie auch von außen – so nah wie möglich am Original zu halten.

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Soviel also zur Geschichte des Enbujô. Ich hatte Glück, da als Kobayashi-sensei den Anfruf bekam, er schon halb auf dem Weg in die Stadt war.

Kobayashi-sensei war so freundlich und stellte sich geduldig meinen Fragen und erklärte mir die Geschichte der Schule sehr eingehend. Die Zahl der Praktizierenden beläuft sich auf momentan knapp 25 Mitglieder. Der Boden besteht aus Kiefernholz und war so, wie man sich einen Dôjô-Boden vorzustellen hat: Wohl benutzt, leicht federnd, guten Halt bietend, einfach perfekt. Nach etwas mehr als einer halben Stunde bekam ich noch ein paar Flyer und wir verabredeten uns für den kommenden Sonntag – geplant war das Kensosai, das Enbu zu Ehren von Aisu Ikôsai in Minami-Ise. Dazu aber später mehr.

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Anbei ein Video der Shingyôtô ryû, aufgenommen am Kashima Jingû, 2011:

Yours in Budô,

Micha

Nun, obwohl ich angekündigt hatte, mich größtenteils auf das Seishûn 18 Kippu zu verlassen, gönnte ich mir für die Fahrt nach Mie doch den Luxus eines Bustickets – für schlappe 3500 Yen (ca. 27 Euro) ging es mit einem sehr komfortablen Highway-Bus von Tôkyô nach Nagoya.  Dauer: 5 1/2 Stunden. Mit an Bord: Ein umfangreiches Entertainmentsystem mit Filmen, Serien und Musik. Auch hier ein Tipp: Falls ihr mal günstig durchs Land kommen wollt, gebt den Fernreisebussen (sowohl Nacht-  wie auch Tagbussen) eine Chance. Obwohl es in den letzten Monaten des öfteren zu Unfällen kam (eine entsprechende Reaktion in Form einer Verschärfung der gesetzlichen Betimmungen für Fernreisen wurde bereits erlassen), ist diese Art und Weise zu Reisen immer noch eine sehr günstige und angenehme Alternative zu den preislich doch höher angesiedelten Shinkansen, den japanischen Schnellzügen.

Nun, da war ich also in Nagoya, doch nur zwecks Umsteigen. Weitergehen sollte es nach Mie, genauer gesagt in die kleine Stadt Kuwana. Es war Donnerstag Mittag, doch sollte Nagoya am Samstag nochmals ein Besuch abgestattet werden.

In Kuwana erwartete mich Russ Ebert, einigen vielleicht bekannt durch seinen Youtube-Channel (mekugi) und seinem Onlineshop, dem Futagotrader. Russ praktiziert neben Shintô Musô ryû Jôjutsu auch Kukamishin ryû sowie Hôten ryû. Nach Ankunft bei ihm Zuhause haben wir es uns also nicht nehmen lassen, ein wenig zu trainieren. Russ schnappte sich seine Ausrüstung und schon ging es raus in die Hitze, um bei gut 35 Grad Isshin ryû Kusarigamajutsu sowie Ikkaku ryû zu trainieren. Den Abend verbrachten wir bei guten Drinks, leckerem Essen und vielen Gesprächen zum Thema Budô und dem Leben in Japan.

Am nächsten Tag machte ich mich früh auf Richtung Kameyama und Matsusaka. Kameyama ist bekannt für seine alte Station an der Tokaidô, der Hauptverkehrsader im feudalen Japan. Doch ist Kameyama auch bekannt als Sitz der Shingyôtô ryû, einer Schule des Sôgô-Bujutsu, welche unter anderem den Umgang mit dem Schwert (Kenjutsu, Battô, Ryôtô), diversen Langwaffen und Taijutsu lehrt. Das Dôjô der Schule – genannt Enbûjô – befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Kameyama Jinja. So war es auch, dass ich zwar das Dôjô vorfand, es aber geschlossen war. Ich hatte irgendwie schon damit gerechnet. Also holte ich meine Kamera hervor und begann, so gut es geht die Impressionen und baulichen Eigenheiten festzuhalten. Ein wenig enttäuscht ging ich nun weiter zum Schrein. Als ich mich dort umsah, kam eine ältere Frau auf mich zu. Wie ich später erfuhr, handelte es sich dabei um die Verwalterin des Schreins. Sie fragte mich nach meiner Herkunft und dem Grund für meinen Besuch und ich erklärte ihr, dass ich primär wegen der Shingyôtô ryû gekommen sei. (An dieser Stelle möchte ich gerne auf meinen Artikel über den Besuch bei der Kôgen Ittô ryû verweisen und auf die spezielle Art der Hilfsbereitschaft in Japan, denn was jetzt kommt, spielt in der gleichen Kategorie). Jedenfalls erklärte ich ihr, dass ich selbst Kobudô studieren würde und deswegen nach Kameyama gekommen sei. Als ich ihr zudem sagte, dass das Dôjô momentan geschlossen sei, entfachte dieses wohl den Derwish-Mode in ihr und sie bat mich, kurz Platz zu nehmen, sie würde nur eben einen Anruf tätigen. Jedenfalls machte sie sich auf ins Haus und kam kurze Zeit später mit der Nachricht zurück, es sei jemand auf dem Wegm der mit das Dôjô aufschliessen würde. Ich saß also im Vorraum des Verwaltungsgebäudes des Schreins und wartete, in meinem Rücken der lauwarme Wind des Ventilators, den die alte Dame freundlicherweise dort plaziert hatte, in der weisen Voraussicht, dass ich sonst ganz dahingeschmolzen wäre, dank der Hitze. Jedenfalls traf kurze Zeit späte die besagte Person ein. Dabei handelte es sich um niemand geringeren als Kobayashi-sensei, momentaner Hauptlehrer für Shingyôtô ryû. Nach einer kurzen Begrüßung und einer Vorstellung meinerseits, ging es also endlich in die Hallen des Kameyama Enbûjô.

STOPP! Da ich ja die schöne Kategorie „Das Dôjô. Kampf. Kunst. Kultur“ habe, wird der Teil über das Enbujô dort zu finden sein.

Nun, Kameyama war also abgehakt. Schrein, Dôjô, persönliche Führung von Sensei – der Tag fing ja gut an. Leider sollte es – in Sachen Budô – dabei bleiben. Meine zweite Station sollte sich in der Stadt Matsusaka finden, südlich von Kameyama und bekannt für Matsusaka-gyû, Rindfleisch aus Matsusaka, von dem gesagt wird, es zähle zu den drei besten Fleischsorten in Japan (Stichwort Kuh + Bier = Yummi). Grund für meine Fahrt nach Matsusaka war der eigentliche Besuch bei Mimura-sensei, Lehrer für Ryûgô ryû Kenjutsu und Bokuden ryû Kusarigamajutsu. Leider war sein Haus etwas am Rand von Matsusaka und ich wusste nicht, wie man am besten hinkommen könnte. Ich sandte vorab zwar einen Brief, dieser blieb aber unbeantwortet (wie sich später herausstellen sollte, konnte sich Mimura-sensei trotzdem an mich erinnern und an mein Vorhaben, ihn besuchen zu kommen). Jedenfalls steuerte ich nach Ankunft zunächst das örtliche Tourismuszentrum an und fragte dort nach Auskunft. Tja, und wie es so läuft in Japan, kannte zufällig eine Mitarbeiterin jenen Mimura-sensei, da sie vor mehr als 30 Jahren selbst bei ihm Kendô gelernt hatte. Jedenfalls hat sie es sich nicht nehmen lassen und telefonierte kurze Zeit später mit Sensei. Dieser sei sehr beschäftigt mit der Reisernte und könne mich daher nicht empfangen. Zudem würde er beide Schulen schon seit einigen Jahren nicht mehr unterrichten. Ob einige seiner alten Schüler immer noch dabei wären, könnte man mir nicht sagen. Tja, da saß ich nun also. Wäre sein Haus leichter zu erreichen gewesen, wäre ich vermutlich ganz naiv einfach vorbeigefahren – manche Leute muss man wohl einfach zu ihrem Glück zwingen. Bitte, man möge mich nicht falsch verstehen. Ich möchte niemanden bedrängen oder mich aufzwingen – nur finde ich, dass solch wunderbare Dinge wie die alten Schulen nicht in Vergessenheit geraten sollten. Insbesondere die Bokuden ryû Kusarigama, von der gesagt wird, Mimura-sensei sei der letzte Lehrer dieser Schule. Nun, ich für meinen Teil beschloss jedoch, nach meiner Rückkehr nach Tôkyô nochmal den schriftlichen Kontakt suchen zu wollen. Auch wenn es nur von theoretischer Natur ist, so würde ich doch gerne – auch wenn es nur Bruchstücke sind – mehr über diese beiden Schulen erfahren.
Ich verließ also das Tourismuszentrum und machte mich auf, die Stadt ein wenig zu erkunden. Dabei war mein Ziel die Überbleibsel des Schloss Matsusaka. Das was noch steht, die Mauern, ein paar Bäume und Co., ist wirklich interessant anzusehen. Wenn man also gerade in der Stadt ist, sollte man die paar Minuten Fußweg ruhig in Kauf nehmen. Oh, und falls jemand in Geld schwimmen sollte: Das Rind soll überaus gut sein – aber für 300 Gram 15.000 Yen – ich weiß ja nicht.

Somit endete Tag 2 in Mie mit zwei Erlebnissen, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Der nächste Tag, Samstag, stand ganz im Zeichen der Burg Nagoya. Ein weiterer Kumpane aus Tôkyô kam hinzu (Steven R., besser bekannt unter dem Label „Gudkarma“) und gemeinsam mit Russ Familie ging es Richtung Burg. Unser Guide sollte kein geringerer sein als Chriss Glenn, ein „Nagoya Original“. Historiker, Autor, Radio DJ, Helikopterpilot – ausgestattet mit einer Stimme, die selbst James Earl Jones alle Ehre machen würde. Die Burg Nagoya ist sozusagen sein zweiter Wohnsitz, obwohl man dieses wohl auch über Sekigahara sagen könnte, den Ort, der Japans Zukunft massgeblich beeinflusst hat und über den Chriss momentan ein Buch schreibt. Jedenfalls begann die Tour in den äußeren Ringen der Burg mit detaillierten Erklärungen über ihre Geschichte, den Bau und die jeweiligen Hausherren. Es folgte eine weitere Führung durch den nach der Restauration wiedereröffneten Palast sowie die inneren Räume der Burg. Nach mehreren Stunden und diversen ungläubigen Blicken seitens anderer Besucher (Chriss Glenn, Promi, ne?), ging es zurück Richtung Kuwana. Der Tag wurde bei gutem chinesischem Essen und diversen alkoholischen Getränken verabschiedet.

Der eigentliche Grund für unseren Besuch in Mie – obwohl Kameyama, Matsusaka und Nagoya auch toll waren – war das Kensôsai-Enbu zu Ehren von Aisu Ikôsai, Gründer der Kage ryû. Das Enbu wird alljährlich am letzten bzw. vorletzten Wochenende im August in der kleinen Stadt Minami-Ise ausgetragen. Normalerweise wird hierzu der Grund eines Schreins genutzt, inmitten von hohen Bambushainen, umgeben vom Gesang der Zikaden. Leider hatte es der Wettergott in diesem Jahr nicht gut mit den Teilnehmern gemeint, und so wurde das Enbu aufgrund von Regen in das örtliche Kendôjô verlegt. Dieses hatte jedoch den Vorteil, dass es nicht so unsaglich heiß war und man sich wenigstens ein wenig hinsetzen konnte. Man suchte sich einen guten Platz, kramte seine Kamera hervor und wartete auf den Beginn der Vorführungen. Das Enbu begann gegen 9:30 Uhr und endete um 13:30 Uhr. Obwohl Schwertschulen in der Überzahl waren, gab es auch Vorführungen von Schulen des Naginatajutsu und des Sôjutsu. Im Ganzen war das Enbu sehr interessant. Kobayashi-sensei habe ich ebenfalls wieder getroffen. Trotzdem gab es auch ein paar Naja-Momente, bei denen ich wirklich an den jeweiligen Vorführenden gezweifelt habe. Nun, eigentlich nicht direkt an der Person an sich, sondern der Schule und der Art und Weise ihrer Technikausführung. Insbesondere eine Iai-Schule ist mir im Gedächtnis geblieben: Ich kann einfach nicht verstehen, wieso man die Handgelenke beim Schneiden überstrecken sollte. Ungesund, keine stabile Verbindung zwischen Hand und Schwert – nein, absolut nicht mein Fall. Ich glaube auch, dass ich deren Demo gar nicht erst gefilmt hatte – aber vielleicht finde ich auf YouTube einen kurzen Ausschnitt. Meine absoluten Highlights waren zum einen die Jikishinkage ryû-Vorführung zweier Damen, sowie jene der Shingyôtô ryû und eine klasse Tachi Uchi no Kurai-Darbietung einer Musô Jikiden Eishin ryû-Gruppe aus Ôsaka. Im Folgenden die Teilnehmerliste:

  • Nihon Kendô Kata
  • Hokushin Shinnô ryû Iai
  • Yagyû Seigô ryû Iai
  • Musô Jikiden Eishin ryû Iai
  • Bukutô ni yoru Kendô Kihon waza Keikohô (Basics in Kendô)
  • Hôki ryû
  • Hikita Shinkage ryû
  • Toyama ryû
  • Tennen Rishin ryû
  • Nihon Buyô
  • Yagyû Shinkage ryû Heihô
  • Musô Jikiden Eishin ryû
  • Ono-ha Ittô ryû
  • Yamato Yagyû Shinkage ryû Heihô
  • Jikishinkage ryû Naginatajutsu
  • Yagyû Shinkage ryû Heihô
  • Aisu Kage ryû
  • Kage ryû
  • Owari-kan ryû
  • Shingyôtô ryû

Zum Abschluss gab es noch ein kleines Shiai der örtlichen Kendô-Kindergruppe, bei dem jeder ein bzw. drei (bei den Älteren) Luftballons auf dem Men befestigt hatte.

Das Enbu endete um die Mittagszeit. Anschließend wurde an alle Teilnehmer und Gäste ein kaltes Nudelgericht sowie Sushi herausgegeben. Sehr lecker und eine tolle Geste zum Abschluss. Zusammen mit Steven ging es anschließend zurück Richtung Tôkyô über Nagoya. Vier interessante Tage kamen ihrem Ende entgegen. Hat sich gelohnt wie ich finde.

Und nun, ein paar Fotos.

Yours in Budô,

Micha

"Wäre ich ein Tautropfen, so würde ich auf der Spitze eines Blattes Zuflucht suchen. Aber da ich ein Mensch bin, habe ich keinen Ort auf der ganzen Welt." - Saigo Takamori
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