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Tokushima – Tokushima? Wo bitte liegt Tokushima?
Nun, bis letzten Freitag (13.12.2013) hatte ich selbst nur rudimentäres Wissen über Tokushima – also ehrlich gesagt: Null. Ich wusste, dass Tokushima eine der Präfekturen der Insel Shikoku ist. Hinzu kam die Tatsache, dass nach dem 1. Weltkrieg ein deutsches Kriegsgefangenenlager in der Stadt Naruto existiert hat. Und mehr? Puh, da hört es schon auf.
Nach diesen zwei Tagen in Tokushima kann ich allerdings sagen, dass die Präfektur wirklich einiges zu bieten hat. Zum einen das erwähnte Lager, welches momentan nur als Nachbau existiert und als Kulisse für den Film „Baruto no Gakuen“ diente, welcher die Geschichte der Deutschen in Bando – dem Ort des Lagers – darstellte. Neben Bruno Ganz war auch Matsudaira Ken mit von der Partie, einer der großen Jidaigeki-Schauspieler hier in Japan. Ach, und einer meiner Ex-Kommilitonen war auch mit am Start. In der Nähe des Lagers gibt es überdies das „Deutsche Haus Naruto“, ein Museum über die Geschichte der Deutschen mit einem netten Shop, welcher nicht nur ordentliches Bier verkauft (Jever!) sondern zudem auch mit allerlei anderen deutschen Spezialitäten auftrumpfen konnte. Durch die Partnerschaft Narutos mit Stadt Lüneburg war ein Teil des Museum zudem eben jener Partnerschaft gewidmet.
Naruto ist zudem der Ausgangspunkt zur 88. Tempel-Tour auf Shikoku. Tempel Nr. 1 – den Ryôzen-ji – konnten wir besuchen und ich muss sagen, dass dieser schon recht ansprechend ist. Der kleine Teich mit den Koi-Karpfen, das Herbstlaub, dazu noch der umherstolzierende Kranich – alles in allem war eine sehr tolle und ruhige Stimmung.

Der zweite Tag stand zwar wieder im Zeichen der Kultur, doch dieses Mal gesellte sich eine ganze besondere Sache hinzu: Der Besuch eines Dôjô aus der Meiji-Zeit. Dazu muss man sagen – und das wusste ich bis jetzt auch nicht – dass Tokushima in Sachen Koryû ein ziemlicher Hotspot gewesen sein soll. Die Kanshin ryû – momentan überwiegend zu finden in Shimane – soll dort überaus populär gewesen sein. Gleiches gilt für die Shingyôtô ryû.
Durch einen Kontakt hier in Tôkyô bot sich die Gelegenheit, ein Familiendôjô der Yagyû Shinkage ryû zu besuchen, jener Yagyû Shinkage ryû, die neben der Toda ryû und dem Shindô Yôshin ryû maßgeblichen Einfluss auf das Wadô ryû-Karate gehabt hat.
Nach kurzer Fahrt mit dem Zug wurden wir freundlich von Herrn Tomura empfangen, welcher uns netterweise vom Bahnhof abgeholt hat. Das Dôjô – genannt Kyûbukan – wurde von seinen Vorfahren erbaut und diente in den ersten Jahren vornehmlich als Kenjutsu und Iaijutsu-Dôjô, später – in den Zeiten des Zweiten Weltkrieges – als Übungsstätte für Kendô und Jûkendô. Momentan wird es nur noch vereinzelt genutzt, da es schlichtweg an Nachwuchs mangelt. Das Dôjô wurde im Laufe der Jahre öfters renoviert und ausgebessert. Das Grundgerüst, der Dachstuhl sowie einige weitere Teile sind jedoch noch im Orginalzustand. Der Fußboden wurde vor ungefähr 30 Jahren erneuert, die Außenwände erst vor einigen Jahren. Hierzu hat man von Außen Schutzwände zur Bewahrung der Holzkonstruktion angebracht – eine komplette Erneuerung wäre zu teuer geworden. Das Dôjô selbst ist – wie uns erklärt worden ist – ein Shintô-Schrein, in dessen Zentrum im Kamidana ein heiliger Stein – das sogenannte Goshintai – aufbewahrt wird. Diese Art des Aufbau des Kamidana sei die klassische Art und Weise bei der Konstruktion eines Dôjôs gewesen. Jene die solche Steine weihen sind – in der Region Tokushima – aber sehr selten bis gar nicht mehr auffindbar. Früher soll es wohl einige Dôjô in der Region um das Kyûbukan gegeben haben, doch haben deren Besitzer die Goshintai nicht richtig gewürdigt und dadurch – so sagt man sich – Unheil über das Dôjô und die Schule gebracht. Die Besitzer wurden krank, die Dôjô vom Feuer heimgesucht, usw. Leider muss ich an dieser Stelle gestehen, dass Tomura-san uns soviele Details erzählt hat, sodass ich im Nachhinein nur einen Bruchteil rekonstruieren kann. Gesagt sei aber auch, dass ich im Laufe der nächsten Zeit diverse Informationen nachreichen werde.
Nach der Besichtigung des Dôjô (und einigen Erinnerungsfotos) hatten wir dann die Gelgenheit einige Schriftrollen zu sehen. Darunter auch eine sehr schöne Rolle zur Shingyôtô ryû und der Lehrlinie in Tokushima. Einige Bücher aus der Zeit der Gründung des Dai Nippon Butokukai sowie Fotos aus dem Privatbesitz von Tomura-san über seinen Großvater und die Schule rundeten den Dôjô-Besuch ab. Tomura-san war aber so angetan von unserem Besuch – und unserem Interesse an seinem Geburtstort – dass er uns anschließend ein wenig die Gegend zeigte. Erste Station war ein Schrein zu Ehren von Himiko – der Legende nach die erste namentlich genannte Herrscherin über das Land Yamatai, dem eventuellen Vorläufer von Yamato. Der Schrein war zwar sehr interessant – gerade der Aufstieg – doch das eigentliche Highlight war das fünfeckige Grab der oben genannten Himiko. Nach einer kurzen Fahrt konnten wir dann noch einige Nachbauten von Häusern aus der Jômon-Zeit bewundern, darunter zwei Wohnhäuser wie auch ein Speicher. Nach dieser kurzen Stippvisite in der Vergangenheit ging es dann über zu den kulinarischen Köstlichkeiten von Tokushima, die da wären: Keine! Richtig! Keine! Tomura-san meinte: „Wir haben viele leckere Dinge, doch eine lokale Spezialität gibt es so nicht. Wir aus Tokushima sind bekannt dafür, dass wir soviel essen können! Daher gewinnen unsere Teilnehmer auch immer bei den vielen Esswettbewerben im Land“. Tja, gesagt, getan: Ab ging´s in ein lokales Udon-Restaurant. Und ich muss sagen: Das waren die besten Udon die ich bis jetzt gegessen habe. Insbesondere der Zitrus-Saft hat dem ganzen das gewisse Etwas verliehen. Zudem konnte man nicht nur die einfache und doppelte Portion bestellen, sondern bis zur fünffachen Menge an Udon und Fleisch seine Bestellung aufgeben! Und Laut Besitzer kommt dieses öfter vor als dass die normale Portion bestellt wird. Also, verhungern wird man mit Sicherheit nicht in Tokushima…
Die Zeit verging wie im Fluge und in etwas mehr als drei Stunden sollte unser Flieger zurück nach Tôkyô gehen. Zuvor wollten wir allerdings noch im Ôtsuka Kokusai Bijutsukan, dem „Ôtsuka Kuntmuseum“, vorbeischauen. Das Museum wurde zum 75. jährigen Bestehen des Ôtsuka Konzerns gegründet und beherbergt auf knapp 30.000 m² – der größten Ausstellungsfläche Japans – mehr als 1000 Replikas von bekannten Meisterwerken, darunter einer Nachbildung der Sixtinischen Kapelle, der Mona Lisa oder dem Schrei von Edvard Munch – insgesamt Kunstwerke aus mehr als 25 Ländern, aus über 190 Museen. Alle Kunstwerke wurden in Originalgröße und so nah am Original wie möglich von der Ôtsuka Ohmi Cheramics repliziert, mit einem Verfahren namens „Keramische Reproduktion“. Falls sich jemand dafür interessiert, hier der Link zum Museum: Ôtsuka Kunstmuseum
Wenn man so vor dem Museum steht ist es schon sehr beeindruckend. In den Berg gebaut, mehrere Stockwerke, Außengelände, etc. Gleich gegenüber des Museum – ebenfalls von Ôtsuka gebaut – ein Hotel. Da nicht besonders viel los war – jedenfalls auf den ersten Schein – hatte dieser Anblick etwas von dem übertriebenen Materialismus den man sonst nur aus Nord-Korea kennt. Das Museum jedenfalls ist nicht gerade günstig: Der Eintritt für einen Erwachsenen beläuft sich auf 3.150Yen – für jap. Museen doch schon sehr kostspielig. Aber: Es lohnt sich. Natürlich, man bekommt jetzt nicht die echte Mona Lise zu Gesicht, aber wo auf der Welt kann man sonst soviel Kunst – bzw. so gut gemacht Replika – auf so engem Raum bewundern? Man sollte sich allerdings ein wenig Zeit nehmen – sonst wird man von der schieren Menge an Kunstwerken erschlagen, insbesondere, da von der Antike bis zur Moderne die komplette Bandbreite an gemalter Kunst behandelt wird.

Nun, was bleibt abschließend also zu sagen? Zunächst einmal, dass selbst so – auf den ersten Blick – unscheinbare Orte wie Tokushima doch eine Menge zu bieten haben. Vorausgesetzt, man hat Zeit und auch ein gewisses Maß an Mobilität. Der Nahverkehr ist per Bus zwar relativ gut ausgebaut, doch Züge verkehren zwischen den Städten Tokushima und Naruto (dem Start der 88. Tempeltour) nur jede Stunde. Das Essen ist günstiger als in den Ballungsgebieten und insbesondere Fleisch und Milchprodukte lassen sich gut beziehen. Wenn man also im Besitz eines Railpassen ist – oder die gute Anbindung per Flug nutzen möchte – dem würde ich einen Kurztrip nach Tokushima gerne ans Herz legen. Ich werde bestimmt noch einmal zurückkehren, dann allerdings mit meiner Trainingsausrüstung im Gepäck.

Yours in Budô,
Micha

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Nun, obwohl ich angekündigt hatte, mich größtenteils auf das Seishûn 18 Kippu zu verlassen, gönnte ich mir für die Fahrt nach Mie doch den Luxus eines Bustickets – für schlappe 3500 Yen (ca. 27 Euro) ging es mit einem sehr komfortablen Highway-Bus von Tôkyô nach Nagoya.  Dauer: 5 1/2 Stunden. Mit an Bord: Ein umfangreiches Entertainmentsystem mit Filmen, Serien und Musik. Auch hier ein Tipp: Falls ihr mal günstig durchs Land kommen wollt, gebt den Fernreisebussen (sowohl Nacht-  wie auch Tagbussen) eine Chance. Obwohl es in den letzten Monaten des öfteren zu Unfällen kam (eine entsprechende Reaktion in Form einer Verschärfung der gesetzlichen Betimmungen für Fernreisen wurde bereits erlassen), ist diese Art und Weise zu Reisen immer noch eine sehr günstige und angenehme Alternative zu den preislich doch höher angesiedelten Shinkansen, den japanischen Schnellzügen.

Nun, da war ich also in Nagoya, doch nur zwecks Umsteigen. Weitergehen sollte es nach Mie, genauer gesagt in die kleine Stadt Kuwana. Es war Donnerstag Mittag, doch sollte Nagoya am Samstag nochmals ein Besuch abgestattet werden.

In Kuwana erwartete mich Russ Ebert, einigen vielleicht bekannt durch seinen Youtube-Channel (mekugi) und seinem Onlineshop, dem Futagotrader. Russ praktiziert neben Shintô Musô ryû Jôjutsu auch Kukamishin ryû sowie Hôten ryû. Nach Ankunft bei ihm Zuhause haben wir es uns also nicht nehmen lassen, ein wenig zu trainieren. Russ schnappte sich seine Ausrüstung und schon ging es raus in die Hitze, um bei gut 35 Grad Isshin ryû Kusarigamajutsu sowie Ikkaku ryû zu trainieren. Den Abend verbrachten wir bei guten Drinks, leckerem Essen und vielen Gesprächen zum Thema Budô und dem Leben in Japan.

Am nächsten Tag machte ich mich früh auf Richtung Kameyama und Matsusaka. Kameyama ist bekannt für seine alte Station an der Tokaidô, der Hauptverkehrsader im feudalen Japan. Doch ist Kameyama auch bekannt als Sitz der Shingyôtô ryû, einer Schule des Sôgô-Bujutsu, welche unter anderem den Umgang mit dem Schwert (Kenjutsu, Battô, Ryôtô), diversen Langwaffen und Taijutsu lehrt. Das Dôjô der Schule – genannt Enbûjô – befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Kameyama Jinja. So war es auch, dass ich zwar das Dôjô vorfand, es aber geschlossen war. Ich hatte irgendwie schon damit gerechnet. Also holte ich meine Kamera hervor und begann, so gut es geht die Impressionen und baulichen Eigenheiten festzuhalten. Ein wenig enttäuscht ging ich nun weiter zum Schrein. Als ich mich dort umsah, kam eine ältere Frau auf mich zu. Wie ich später erfuhr, handelte es sich dabei um die Verwalterin des Schreins. Sie fragte mich nach meiner Herkunft und dem Grund für meinen Besuch und ich erklärte ihr, dass ich primär wegen der Shingyôtô ryû gekommen sei. (An dieser Stelle möchte ich gerne auf meinen Artikel über den Besuch bei der Kôgen Ittô ryû verweisen und auf die spezielle Art der Hilfsbereitschaft in Japan, denn was jetzt kommt, spielt in der gleichen Kategorie). Jedenfalls erklärte ich ihr, dass ich selbst Kobudô studieren würde und deswegen nach Kameyama gekommen sei. Als ich ihr zudem sagte, dass das Dôjô momentan geschlossen sei, entfachte dieses wohl den Derwish-Mode in ihr und sie bat mich, kurz Platz zu nehmen, sie würde nur eben einen Anruf tätigen. Jedenfalls machte sie sich auf ins Haus und kam kurze Zeit später mit der Nachricht zurück, es sei jemand auf dem Wegm der mit das Dôjô aufschliessen würde. Ich saß also im Vorraum des Verwaltungsgebäudes des Schreins und wartete, in meinem Rücken der lauwarme Wind des Ventilators, den die alte Dame freundlicherweise dort plaziert hatte, in der weisen Voraussicht, dass ich sonst ganz dahingeschmolzen wäre, dank der Hitze. Jedenfalls traf kurze Zeit späte die besagte Person ein. Dabei handelte es sich um niemand geringeren als Kobayashi-sensei, momentaner Hauptlehrer für Shingyôtô ryû. Nach einer kurzen Begrüßung und einer Vorstellung meinerseits, ging es also endlich in die Hallen des Kameyama Enbûjô.

STOPP! Da ich ja die schöne Kategorie „Das Dôjô. Kampf. Kunst. Kultur“ habe, wird der Teil über das Enbujô dort zu finden sein.

Nun, Kameyama war also abgehakt. Schrein, Dôjô, persönliche Führung von Sensei – der Tag fing ja gut an. Leider sollte es – in Sachen Budô – dabei bleiben. Meine zweite Station sollte sich in der Stadt Matsusaka finden, südlich von Kameyama und bekannt für Matsusaka-gyû, Rindfleisch aus Matsusaka, von dem gesagt wird, es zähle zu den drei besten Fleischsorten in Japan (Stichwort Kuh + Bier = Yummi). Grund für meine Fahrt nach Matsusaka war der eigentliche Besuch bei Mimura-sensei, Lehrer für Ryûgô ryû Kenjutsu und Bokuden ryû Kusarigamajutsu. Leider war sein Haus etwas am Rand von Matsusaka und ich wusste nicht, wie man am besten hinkommen könnte. Ich sandte vorab zwar einen Brief, dieser blieb aber unbeantwortet (wie sich später herausstellen sollte, konnte sich Mimura-sensei trotzdem an mich erinnern und an mein Vorhaben, ihn besuchen zu kommen). Jedenfalls steuerte ich nach Ankunft zunächst das örtliche Tourismuszentrum an und fragte dort nach Auskunft. Tja, und wie es so läuft in Japan, kannte zufällig eine Mitarbeiterin jenen Mimura-sensei, da sie vor mehr als 30 Jahren selbst bei ihm Kendô gelernt hatte. Jedenfalls hat sie es sich nicht nehmen lassen und telefonierte kurze Zeit später mit Sensei. Dieser sei sehr beschäftigt mit der Reisernte und könne mich daher nicht empfangen. Zudem würde er beide Schulen schon seit einigen Jahren nicht mehr unterrichten. Ob einige seiner alten Schüler immer noch dabei wären, könnte man mir nicht sagen. Tja, da saß ich nun also. Wäre sein Haus leichter zu erreichen gewesen, wäre ich vermutlich ganz naiv einfach vorbeigefahren – manche Leute muss man wohl einfach zu ihrem Glück zwingen. Bitte, man möge mich nicht falsch verstehen. Ich möchte niemanden bedrängen oder mich aufzwingen – nur finde ich, dass solch wunderbare Dinge wie die alten Schulen nicht in Vergessenheit geraten sollten. Insbesondere die Bokuden ryû Kusarigama, von der gesagt wird, Mimura-sensei sei der letzte Lehrer dieser Schule. Nun, ich für meinen Teil beschloss jedoch, nach meiner Rückkehr nach Tôkyô nochmal den schriftlichen Kontakt suchen zu wollen. Auch wenn es nur von theoretischer Natur ist, so würde ich doch gerne – auch wenn es nur Bruchstücke sind – mehr über diese beiden Schulen erfahren.
Ich verließ also das Tourismuszentrum und machte mich auf, die Stadt ein wenig zu erkunden. Dabei war mein Ziel die Überbleibsel des Schloss Matsusaka. Das was noch steht, die Mauern, ein paar Bäume und Co., ist wirklich interessant anzusehen. Wenn man also gerade in der Stadt ist, sollte man die paar Minuten Fußweg ruhig in Kauf nehmen. Oh, und falls jemand in Geld schwimmen sollte: Das Rind soll überaus gut sein – aber für 300 Gram 15.000 Yen – ich weiß ja nicht.

Somit endete Tag 2 in Mie mit zwei Erlebnissen, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Der nächste Tag, Samstag, stand ganz im Zeichen der Burg Nagoya. Ein weiterer Kumpane aus Tôkyô kam hinzu (Steven R., besser bekannt unter dem Label „Gudkarma“) und gemeinsam mit Russ Familie ging es Richtung Burg. Unser Guide sollte kein geringerer sein als Chriss Glenn, ein „Nagoya Original“. Historiker, Autor, Radio DJ, Helikopterpilot – ausgestattet mit einer Stimme, die selbst James Earl Jones alle Ehre machen würde. Die Burg Nagoya ist sozusagen sein zweiter Wohnsitz, obwohl man dieses wohl auch über Sekigahara sagen könnte, den Ort, der Japans Zukunft massgeblich beeinflusst hat und über den Chriss momentan ein Buch schreibt. Jedenfalls begann die Tour in den äußeren Ringen der Burg mit detaillierten Erklärungen über ihre Geschichte, den Bau und die jeweiligen Hausherren. Es folgte eine weitere Führung durch den nach der Restauration wiedereröffneten Palast sowie die inneren Räume der Burg. Nach mehreren Stunden und diversen ungläubigen Blicken seitens anderer Besucher (Chriss Glenn, Promi, ne?), ging es zurück Richtung Kuwana. Der Tag wurde bei gutem chinesischem Essen und diversen alkoholischen Getränken verabschiedet.

Der eigentliche Grund für unseren Besuch in Mie – obwohl Kameyama, Matsusaka und Nagoya auch toll waren – war das Kensôsai-Enbu zu Ehren von Aisu Ikôsai, Gründer der Kage ryû. Das Enbu wird alljährlich am letzten bzw. vorletzten Wochenende im August in der kleinen Stadt Minami-Ise ausgetragen. Normalerweise wird hierzu der Grund eines Schreins genutzt, inmitten von hohen Bambushainen, umgeben vom Gesang der Zikaden. Leider hatte es der Wettergott in diesem Jahr nicht gut mit den Teilnehmern gemeint, und so wurde das Enbu aufgrund von Regen in das örtliche Kendôjô verlegt. Dieses hatte jedoch den Vorteil, dass es nicht so unsaglich heiß war und man sich wenigstens ein wenig hinsetzen konnte. Man suchte sich einen guten Platz, kramte seine Kamera hervor und wartete auf den Beginn der Vorführungen. Das Enbu begann gegen 9:30 Uhr und endete um 13:30 Uhr. Obwohl Schwertschulen in der Überzahl waren, gab es auch Vorführungen von Schulen des Naginatajutsu und des Sôjutsu. Im Ganzen war das Enbu sehr interessant. Kobayashi-sensei habe ich ebenfalls wieder getroffen. Trotzdem gab es auch ein paar Naja-Momente, bei denen ich wirklich an den jeweiligen Vorführenden gezweifelt habe. Nun, eigentlich nicht direkt an der Person an sich, sondern der Schule und der Art und Weise ihrer Technikausführung. Insbesondere eine Iai-Schule ist mir im Gedächtnis geblieben: Ich kann einfach nicht verstehen, wieso man die Handgelenke beim Schneiden überstrecken sollte. Ungesund, keine stabile Verbindung zwischen Hand und Schwert – nein, absolut nicht mein Fall. Ich glaube auch, dass ich deren Demo gar nicht erst gefilmt hatte – aber vielleicht finde ich auf YouTube einen kurzen Ausschnitt. Meine absoluten Highlights waren zum einen die Jikishinkage ryû-Vorführung zweier Damen, sowie jene der Shingyôtô ryû und eine klasse Tachi Uchi no Kurai-Darbietung einer Musô Jikiden Eishin ryû-Gruppe aus Ôsaka. Im Folgenden die Teilnehmerliste:

  • Nihon Kendô Kata
  • Hokushin Shinnô ryû Iai
  • Yagyû Seigô ryû Iai
  • Musô Jikiden Eishin ryû Iai
  • Bukutô ni yoru Kendô Kihon waza Keikohô (Basics in Kendô)
  • Hôki ryû
  • Hikita Shinkage ryû
  • Toyama ryû
  • Tennen Rishin ryû
  • Nihon Buyô
  • Yagyû Shinkage ryû Heihô
  • Musô Jikiden Eishin ryû
  • Ono-ha Ittô ryû
  • Yamato Yagyû Shinkage ryû Heihô
  • Jikishinkage ryû Naginatajutsu
  • Yagyû Shinkage ryû Heihô
  • Aisu Kage ryû
  • Kage ryû
  • Owari-kan ryû
  • Shingyôtô ryû

Zum Abschluss gab es noch ein kleines Shiai der örtlichen Kendô-Kindergruppe, bei dem jeder ein bzw. drei (bei den Älteren) Luftballons auf dem Men befestigt hatte.

Das Enbu endete um die Mittagszeit. Anschließend wurde an alle Teilnehmer und Gäste ein kaltes Nudelgericht sowie Sushi herausgegeben. Sehr lecker und eine tolle Geste zum Abschluss. Zusammen mit Steven ging es anschließend zurück Richtung Tôkyô über Nagoya. Vier interessante Tage kamen ihrem Ende entgegen. Hat sich gelohnt wie ich finde.

Und nun, ein paar Fotos.

Yours in Budô,

Micha

Servus,

nun, der japanische Sommer hat mich mit voller Wucht erwischt. Ich bin jetzt seit etwas mehr als einer Woche wieder zurück in Japan, aber mein Körper ist irgendwie immer noch in Europa. Hitze, Feuchtigkeit, das viele durch die Gegend laufen – der Körper schreit förmlich nach Flüssigkeit, einer Klimaanlage und so wenig Bewegung wie möglich. Aber Japan wäre nicht Japan, wenn man wenigstens dem letzten Teil irgendwie entgegen wirken würde. Was bleibt einem also anderes übrig als sich ins Dôjô zu bewegen und – genau – ordentlich zu trainieren.

Nun, bevor der Ernst des Lebens wieder seinen Weg geht, sollte man die einem noch verbleibende Zeit nach bestem Wissen nutzen. Und was bietet sich da besseres an, als ein paar kleine Tagestouren? In Japan gibt es das sogenannte Seishun Jûhachi Kippu, mit dem man (als Einzelperson) an fünf Tagen unbegrenzt die Lokalzüge der Japanischen Bahn (Japan Railways) benutzen kann. Also fünf Tickets an fünf Tagen, so weit einem es die Zeit erlaubt. Theoretisch ist es damit möglich, innerhalb eines Tages von Tôkyô nach Kyûshû zu fahren. Das Ticket kostet 11,500 Yen (also 2,300 Yen pro Tag) und ist eine sehr günstige Alternative zu den teuren Shinkansen-Zügen (und in manchen Fällen auch zu den Fernverkehrsbussen).

Ich habe mir also gedacht: Was ist innerhalb eines Tages machbar und steht in direkter Beziehung zu den Koryû? Nun, dabei kamen mir ein paar Ideen:

  • Besuch der Stadt Mito (Mito-Tôbukan, Taya no Bôjutsu, etc.)
  • Besuch bei der Maniwa nen ryû in Takasaki
  • Besuch des Katori-Schrein in Chiba sowie des Kashima-Schrein in Ibaraki
  • Fahrt nach Mie zum Kensosai, einem Enbu zu Ehren von Aisu Ikôsai (okay, hier werde ich ein paar Nächte bleiben. Koryû-technisch wird es aber (hoffentlich!) auch hoch hergehen

Nun, da fehlt aber noch eine Fahrt. Wohin soll die Reise gehen? Vorschläge?

Yours in Budô,

Micha

Ps: Als kleine Neuheit möchte ich den geneigten Leser auf meine neu eingerichtete Bücherecke verweisen. Den entsprechenden Link findet man oben in der Leiste.

Hallo,

am letzten Freitag zog es mich mal wieder ein wenig durch die Lande, genauer gesagt nach Tottori (mit einem kurzem Abstecher nach Matsue in Shimane) sowie nach Okayama. In Yonago in der Präfektur Tottori wollte ich den Lehrer eins Freundes aus Deutschland besuchen.

Yasumoto-sensei ist Soke der Moto-ha Yoshin ryu und Lehrer von Tim Weigel, Vertreter der Schule in Deutschland. Im Vorfeld hatte ich Sensei um Erlaubnis gebeten, an seinem Training teilnehmen zu dürfen, um meine in Deutschland erworbenen Kenntnisse in Sachen Jujutsu ein wenig aufzufrischen. So kam es dann auch und Sensei begrüsste mich und meine Freundin (die mit gekommen war) am Freitag Abend am Bahnhof in Yonago. Eine Trainingseinheit war für den nächsten Morgen angesetzt. Einige Schüler fanden sich ein, darunter auch ein weiterer Ausländer der seit einiger Zeit in Yonago lebt und bei Sensei ebenfalls unterricht nimmt. Geübt wurden die Grundtechniken der Schule und mein Partner und ich hatten über das gesamte Training einen regen Austausch und ich bin ihm sehr dankbar, dass er sich so die Zeit genommen hatte. Im Laufe des Trainings sind wir auf das Thema gekommen, welche anderen Schulen es hier noch in der Umgebung so gibt. Ich wusste, dass neben der Seia ryu auch die Kanshin ryu hier zu finden war und daher war ich umso erstaunter, als er meinte, dass er ebenfalls der Kanshin ryu angehören würde und ich am Abend gerne mit nach Matsue (in der Präfektur Shimane) zum Training mitkommen könnte.

Gesagt, getan.

Nach einem kurzen Besuch bei Sensei daheim ging es mit vier Leuten Richtung Shimane. Ich dachte eigentlich, dass ich zugucken solle, doch wurde dieses gleich bei unserer Ankunft in ein Mitmachen umgewandelt. Herr Mishima, mein Partner vom Vormittag, hatte also sein zweites Iaito eingepackt und mit Kato-sensei, einem der Shihan der Schule, alles weitere geregelt. So durfte ich mich an den Toho-Kata sowie an den Techniken der Omote-Stufe probieren. Es war wirklich toll, mal wieder etwas mehr in Sachen Iai machen zu dürfen. Obwohl meine eigene Schule tolle Sets hat, fehlt mir dieser spezielle Aspekt des Schwertkampfes doch schon ein wenig. Die Techniken der Kanshin ryu waren sehr interessanter Natur: Wurftechniken, Schläge, kein Gebrauch des Sageo – alles in allem sehr schöne und ungewöhnliche Ausführungen. Hat mir sehr imponiert das Ganze. Zum Abschluss gab es noch einen kleinen Plausch und die Einladung, dass wenn ich mal wieder in der Gegend sei, gerne wieder beim Training vorbeischauen dürfte. Alle waren sehr nett und zuvorkommend und das Tollste: Zwei Jugendliche (14 Jahre und 12 Jahre) waren ebenfalls fleissig am trainieren. Ein Tag ganz im Sinne des Budo – so mag ich das.

Am Sonntag ging es dann weiter nach Okayama. Ich mag die Gegend sehr: nah am Wasser, gute Anbindung in alle Himmelsrichtungen, interessante Koryu und Bizen Osafune mitten drin. Dorthin ging es dann auch am Montag: Besuch im Schwertmuseum sowie bei der Schmiede von Ueta-sensei, dem ich vor ungefähr 6 Jahren mal über die Schulter schauen durfte.

Die Ausstellung im Museum war wirklich gut besucht. Thema: Evangelion, ein überaus bekannter Anime und die dazugehörigen Klingenwaffen. Eben jene wurden auf Basis des Anime und diversen Zeichnungen von einigen Schmieden angefertigt und nun ausgestellt. Dabei waren wirklich einige nette Stücke wie man auf den folgenden Bildern sehen kann.

Alles in Allem war dieser Kurztrip sehr schön und sehr erholend, auch wenn das Wetter mit 33 Grad (Hallo Deutschland!) nicht gerade zu Wandertouren einlud.

Mal schauen, wo es als nächstes hingeht..

Yours in Budo,

Micha

Hallo,

Anfang der Woche bin ich mit meiner Freundin für einen Kurztrip in die Präfektur Nagano gefahren, ca. 4 Autostunden von Tokyo entfernt, mitten in den japanischen Alpen. Nagano ist nicht nur bekannt für die Olympischen Spiele aus dem Jahre 1998, sondern auch für wirklich gutes Essen (Soba!), guten Weißweins sowie einer Fülle an kulturellen Sehenswürdigkeiten, darunter die badenden Affen von Jigokudani, dem Zenkoji-Tempel in der Stadt Nagano oder das wunderschöne Schloss von Matsumoto.

Drei Tage nahmen wir uns Zeit, um drei verschiedene Sehenswürdigkeiten zu besuchen: Den Zenkoji, das Schloss in Matsumoto sowie die Stadt an sich und die alte Schule für Literatur und Kriegskunst in Matsushiro. Über Letztere habe ich bereits in der Vergangenheit berichtet und jetzt endlich konnte ich mich selbst von der Schönheit dieser Stätte überzeugen. Es hat sich gelohnt!

Vom Zenkoji selbst gibt es leider keine besonders schönen Fotos. Zu dem Zeitpunkt war er zum Großteil verhangen und somit sind nur Fotos von den Bereichen um den Tempel entstanden.

Da der Tempel kurz vor der Schließung stand, entschlossen wir uns für den ersten Tag es ruhig angehen zu lassen und dafür den Auslöser der Kamera am nächsten Tag umso öfter quälen zu können.

Die Stadt Matsumoto liegt etwas mehr als eine Stunde per Zug von Nagano-Stadt entfernt. Eine einfache Fahrt kostet 1100 Yen und ist wirklich zu empfehlen. Man sieht viel von der Natur, den Bergen und hat nicht so das Gefühl in Eile sein zu müssen. Vom Bahnhof Matsumoto liegt das Schloss nur knappe 15 Minuten zu Fuß entfernt. Die Stadt an sich ist wirklich sehr hübsch und macht einen freundlichen und hellen Eindruck: Hier ein Fluß, dort ein paar Bäume, da ein paar ältere Gebäude…

Das Schloss wurde 1504 erbaut und war bis zum Beginn der Meiji-Restauration im Jahre 1868 in Gebrauch. Im zweiten Stock des Hauptgebäudes befindet sich ein kleines Museum für Schusswaffen, worunter sich auch einige kleine interessante Stücke befanden, darunter einige Revolver, Pistolen in Schwertmontierung und Kombinationen aus Schusswaffe und Dolch.

Der Tag war wunderschön, das Wetter unglaublich gut und die Fotos sprechen bestimmt für sich.

Am Tag unserer Rückkehr ging es dann noch in das kleine Örtchen Matsushiro. Mit dem örtlichen Bus vom Bahnhof Nagano ist man in 25 Minuten dort. Die Fahrt kostet (einfacher Weg) 600 Yen. Austieg ist der Bahnhof Matsushiro und die Schule für Literatur und Kriegskunst ist innerhalb von nicht mal 10 Minuten per pedes zu erreichen.
Matsushiro ist wirklich ruhig, hat aber eine lange Geschichte auf die die Bewohner sichtlich stolz sind: Überall sieht man das Wappen der Sanada-Familie, die 6 Münzen in zwei Reihen, welche dieses Gebiet vor der Meiji-Restaurierung verwalteten. Heutzutage ist nicht nur die Schule für Literatur und Kriegskunst übrig geblieben, sondern auch die ehemalige Residenz der Sanada-Familie, einige weitere Samurai-Häuser und es wurde in unmittelbarer Nähe zu diesen Gebäuden ein Museum zu Ehren der Sanada-Familie erbaut. Dort hat man Einsicht in die Familienstücke und bekommt einen guten Einblick in die Geschichte dieser Familie.

Auf die Geschichte der Schule möchte ich hier nicht noch einmal eingehen. Dem interessierten Leser sei mein voriger Bericht ans Herz gelegt: Die alte Schule für Literatur und Kriegskunst in Matsushiro

Also, dieser Besuch war wirklich das Highlight! Obwohl anfangs noch eine etwas größere Touristengruppe anwesend war, wurde es später sehr ruhig und man konnte die Geschichte und den Geruch dieser Stätte wahrlich in sich aufsaugen. Die einzelnen Hallen – darunter eine Fechthalle für Schwert- und Speerkampf sowie eine Jujutsu-Halle – hatten wunderbar alten, benutzen, leicht schwindgenden Holzfußboden. Obwohl es draußen gut warm war, war es innen angenehm kühl und frisch. Die Decken waren hoch genug und durch viele starke Holzpfosten verstärkt und bieten Platz für viele Übende. Besonders die Speer-Halle hatte es mir angetan. Selten so einen guten Boden gesehen und eine so schlichte und schöne Architektur. Dort zu trainieren – das müsste unglaublich sein. Und dieses scheint sogar möglich zu sein. Die Kyujutsu-Anlage wird heutzutage immer noch genutzt und auch die einzelnen Fechthallen sind ab und an noch im Gebrauch. Hm – ob man auch als Privatmensch diese vielleicht nutzen darf..? Hm..

Genug berichtet. Es war ein wirklich toller Urlaub und ich blicke mit einem Lächeln auf die Stunden zurück. Dem Leser wünsche ich nun viel Freude mit dem Fotos. Wer gerne Bilder in hoher Auflösung haben möchte, möge sich bitte bei mir melden. Gerade die Fotos vom Schloss sind toll geworden.

Yours in Budo,

Micha

"Wäre ich ein Tautropfen, so würde ich auf der Spitze eines Blattes Zuflucht suchen. Aber da ich ein Mensch bin, habe ich keinen Ort auf der ganzen Welt." - Saigo Takamori
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