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Hallo,

vor kurzem habe ich ein Vorführungsvideo von einem Dôjô meiner Schule gesehen, welches nicht direkt mit unserer Lehrlinie in Verbindung steht. Wie jedes Mal, wenn ich mir Vorführungen dieser Gruppe und ihrer Art und Weise anschaue, wie sie die Kata ausführen, frage ich mich, welch Entwicklung wohl von Statten gegangen sein muss, damit wir zwei so verschiedene Herangehensweisen an die Kata bekommen haben. Meine Schule ist in der Hinsicht jedoch noch relativ simpel gestrickt. Schaut man sich in der weiten Welt der Koryû um, so ist es nicht verwunderlich, dass man manchmal den Überblick verlieren kann. Ein gutes Beispiel hierfür ist wohl die Musô Jikiden Eishin ryû. Man kann eigentlich von Dôjô zu Dôjô gehen und man sieht zu einem Grossteil immer eine andere Interpretation und Herangehensweise an die Kata. Oder die Tennen Rishin ryû: Diverse Linien, unterschiedliche Technikausführungen und selbst nicht minder grosse Unterschiede im Curriculum. Zahlreiche Varianten der Hontai Takagi Yoshin ryû, der Yagyû Shinkage ryû, Hyôhô Niten Ichi ryû,…

Geht man davon aus, dass heutzutage in etwa noch 200 – 300 Koryû existieren (die unterschiedlichen Zweige mit einberechnet, bspw: Hyôhô Niten Ichi ryû, Noda-ha Niten Ichi ryû, Gosho-ha Niten Ichi ryû oder Yagyû Shingan ryû Katchû Heihô, Yagyu Shingan ryû Heihôjutsu, Yagyu Shingan ryû Taijutsu, uswusf. ), so steht man einer enormen Artenvielfalt gegenüber, mit all ihren technischen Unterschieden, geschichtlichen Entwicklungen und eigenen Charakteristika. Spannend wird es – und das macht auch einen Teil des Studiums der klassischen Schulen aus – Gemeinsamkeiten und Abweichungen zu erkennnen, deuten und verarbeiten. Dieses kann man innerhalb einer Schule machen (Niten Ichi ryû mit den unterschiedlichen Zweigen) oder die Mutterschule betrachten und deren Sprösslinge (Shintô ryû und deren Nachkommen). Oftmals finden sich interessante Punkte und geben Anlass zur Diskussion und Spekulation. Natürlich fehlen einem – und das ist absolut klar – die nötigen Kuden um zum wahren Kern vorzudringen, doch mit steigender Erfahrung gewinnt man die Fähigkeit, andere Schulen und ihre Techniken ein wenig eingehender zu beurteilen: Je näher man der Spitze eines Berges kommt, desto geringer werden auch die Unterschiede. Diese Art des Studiums dient also nicht nur der Reflexion der eigenen Technik, mit anderen Worten der tieferen Auseinandersetzung mit der eigenen Schule, sondern gibt auch die Möglichkeit, neue Einsichten zu gewinnen. Sieht man die Sprösslinge und Zweige als Weiterenwicklungen an, lassen sich interessante Beobachtungen anstellen, auch wenn diese vielleicht nicht die eigene Meinung oder Erfahrung wiederspiegeln und man im gewissen Maße in eine Art Konflikt gerät. Schulen haben sich seit je her weiterentwickelt und es ist eigentlich unmöglich zu sagen, ob sich in den letzten 100, 200 oder 300 Jahren nicht Techniken und Kata verändert haben, oder ob diese seit der Gründung unverändert Bestand haben. Wichtig ist hierbei, dass man sich nicht auf die Techniken und Kata fixiert, sondern die in ihnen liegenden Prinzipien bewahrt und von Generation an Generation weiter gibt. Dieses ist der entscheidene Punkt: Kata können noch so spektakulär aussehen, atemberaubend sein oder wirr erscheinen. Wenn sie nur ein Container sind, deren Inhalt verloren gegangen ist, nützt auch die schönste Technik nichts mehr. Dann ist die Schule dem Untergang geweiht und man hat den Punkt des reinen Katatanz erreicht. Die Erfahrungen, Traditionen, Erlebnisse fallen dann einfach hinten über oder sollen aus letzter Kraft ein System am Leben erhalten, welches seinen Anspruch an ein umfassendes Werkzeug zur Kriegerausbildung, unter den bestmöglichen Voraussetzungen einer Waffenkunde, Bewegungslehre, Persönlichkeitsschulung, verloren hat. Wenn Schulen diesen Punkt erreichen, wenn die Prinzipien nicht mehr weitergegeben werden (können), ist die Schule tot und nichts weiter als eine leblose Puppe. Wenn man nicht versteht, was innerhalb der Techniken verborgen liegt, hetzt man einer Sache hinterher, die es vielleicht seit Jahrhunderten schon nicht mehr gegeben hat. Romantisierte Tagträumereien, Personenkulte, in unserer Zeit die mediale Aufmerksamkeit, alles Faktoren die von der eigentlichen Sache ablenken können. Falsche Uebersetzungen, Missinterpretationen, Hören/Sagen, oftmals Ursache hitziger Diskussionen und Anfeindungen, deren Auswirkungen noch Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte später wie das Vater Unser in der Kirche hoch und runter gebetet werden, obwohl jene, die am lautesten schreien, am wenigsten davon verstehen, was wirkich Stand der Dinge ist.

Die Vielfalt der Koryû lässt darauf schliessen, dass sich Menschen Gedanken gemacht haben, wie sie das, was sie einmal gelernt haben, verbessern könnten. Ob ihnen dieses gelungen ist, sei mal dahingestellt. Fakt ist jedoch, dass die Schulen, die uns heute verblieben sind, dass Ende einer langen Tradition der Kriegskünste darstellen. Obwohl es heutzutage immer noch Neugründungen gibt bzw. Zusammenschlüsse (die ich explizit auch als Koryû auffasse, siehe die En ryû), müssen wir mit dem auskommen, was uns übergeben worden ist und wofür wir Sorge tragen müssen. Es liegt an uns, die Schulen als Ganzes für die nächsten Generationen zu bewahren, mit all ihren Prinzipien, Techniken, Kata, der Geschichte und dem Konstrukt welches sie umgibt. Die enge Verbindung zwischen den Schulen und der japanischen Geschichte ist für uns die Basis unseres Dienstes an der japanischen Gesellschaft und ihrer Kultur. Wir sind die Bewahrer dessen, was seit Jahrhunderten überliefert worden ist. Daher müssen wir auch dafür sorgen, dass die Generationen nach uns ebenfalls in die Gunst dessen kommen, was wir erfahren haben.

Versagen wir in diesem Vorhaben, stirbt ein Teil der japanischen Kultur und die Erfahrungen derer, die vor uns den Weg gegangen sind, werden in Vergessenheit geraten. Wir sind Teil einer Kette und müssen sicherstellen, dass wir nicht deren Ende sind.

Yours in Budô,

Micha

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Hallo,

während meiner Zeit in Deutschland habe ich in regelmäßigen Abständen diverse Mittelaltermärkte besucht. Ich mochte die Atmosphäre, auch wenn diese Veranstaltungen natürlich nichts mit dem wahren Mittelalter gemein hatten. Sie sollten unterhalten und in meinem Falle taten sie dieses sehr gut. Mit ganz besonders großem Interesse habe ich immer die diversen Falkner-Vorführungen verfolgt. Ich kann nicht sagen wieso, nur hat mir diese Art der Jagd sehr imponiert. Zudem finde ich die Tiere unglaublich schön und elegant.

In den letzten Wochen bin ich, eigentlich auf der Suche nach einer Kenjutsu-Schule, auf eine Schule der traditionellen Kunst der Falknerei hier in Japan gestoßen. Die Rede ist von der Suwa ryû. Die Kunst der Falknerei nennt sich Hōyōjutsu, wird aber auch als Takagari bezeichnet.

Im folgenden Artikel möchte ich diese Kunst ein wenig vorstellen, die den meisten Lesern recht unbekannt erscheinen dürfte. In Teil 1 widme ich mich der Geschichte der Falknerei in Japan. Dabei handel es sich zum Großteil um eine Übersetzung einer Abhandlung mit dem Titel „Japanese Falconry – History & Cultural Aspects“ von Teruo Morimoto, Mitglied der Nationalen Konferenz zur japanischen Falkenjagd. In Teil 2 (der später folgt), würde ich dann gerne auf die technischen Aspekte eingehen. Hierbei wird dann auch auf die jeweiligen Tiere und die entsprechende Ausrüstung und Jagdtechniken eingegangen.

Die Ursprünge der Falknerei in Japan

Mit Sicherheit lässt sich sagen, dass bereits vor dem 6. Jahrhundert japanische Könige mit dieser Art der Jagd begannen. Nach neusten Forschungen wurden bis zum jetzigen Zeitpunkt Tonfiguren (Haniwa) von 6 Falknern und 10 Tieren gefunden. Interessanterweise wurden alle dieser Figuren in den beiden Gebieten gefunden, die später das Zentrum der Falknerei in Japan bilden sollten. Zwei Fragmente wurden auf dem Imashiroduka Hügel gefunden, bei dem es sich vermutlich um das Grab des Königs Ohto handelt (Herrscher Keitai, Herrschaftszeit: 507 – 531). Einige dieser Falken-Figuren hatten Glocken an ihrem Schwanz befestigt, welche eine gängige Methode in Ost-Asien war und bis heute als Tradition in Japan überlebt hat.

Im Nihon Shoki, der ersten offiziellen Chronik aus dem Jahre 720, wird die erste Falkenjagd mit dem Jahr 355 angegeben. Laut dieser Aufzeichnung hat ein Prinz aus der Pekche Dynastie aus Korea einen bis dato unbekannten Vogel namens kuchi trainiert und König Ohsazaki (Herrscher Nintoku) hatte Gefallen an dieser Art der Jagd gefunden.

Daraufhin etablierte der König ein Gruppe von staatlichen Falknern. Pekche ist eine Dynastie manchurischen Ursprungs, deren Kultur stark von China beeinflusst wurde. Die Bezeichnung Kuchi ist kein klassisch koreanisches Wort, aber womöglich von chinesischem oder turkischem Ursprungs. Um was für einen Vogel es sich dabei genau gehandelt haben soll, ist unklar. Manche Forscher gehen von einem Gerfalken aus, andere wiederum von einem sibirischen Habicht. Obwohl diese Geschichte leicht in die Kategorie der Fiktion eingeordnet werden könnte, gibt sie doch einen guten Einblick in die mögliche Gründung einer langen Tradition der Falknerei in Japan.

Altertümliche Falknerei (8. – 12. Jahrhundert)

Altertümliche Falkenjagd wurde von berittenen und bewaffneten Falknern ausgeführt. Diese Szenerie der Jagd oder der Aufbruch zu einer hat mit Sicherheit eine große Wirkung auf Zuschauer gehabt. Die Falkenjagd wurde zu einem Symbol militärischer und ländlicher Macht und es kam die Zeit, in der zentrale Herrscher Monopole oder sogar Verbote erließen, lokale Fürsten diese aber umgingen und der Falkenjagd weiter frönten, indem sie Kontakt zu der Obrigkeit suchten oder Verbindung zum Shintoismus. Eine gute Jagd wurde nicht selten auch als ein Zeichen der guten Verbindung zwischen den höheren Mächten und den niederen Schichten angesehen. So ist es auch nicht verwunderlich, dass im Laufe der Jahre bis ins 17. Jahrhundert hin sich zwei Linien der Falkenjagd entwickelten, diejenige um die Hauptstadt und des Hofes sowie die in den Provinzen.

In den Jahren 702 (Taihô Edikt) und 718 (Yôrô Edikt) wurde die Falkenjagd-Behörde (Hôyôshi oder auch Shutakashi) dem Ministerium für militärische Angelegenheiten (Hyôbushô) unterstellt mit dem Auftrag als staatliches Organ zu dienen. Im 9. Jahrhundert wurde diese Behörde geschlossen und die kaiserliche Kammer wurde von nun an zuständig für die Angelegenheiten der staatlichen Falkner. Dieses System wurde erst nach dem 12. Jahrhundert wieder geändert.

Unter den wirklichen Enthusiasten der Falknerei fanden sich die folgenden Herrscher: Kanmu (737-806; Regierungszeit: 781-806), Saga (786-842; Regierungszeit: 809-823), Uda (867-931; Regierungszeit: 887-897), Daigo (885-930; Regierungszeit: 897-930), Ichijô (980-1011; Regierungszeit 986-1011), Shirakawa (1053-1129; Regierungszeit: 1072-1086). Zudem die Poeten Ohtomo-no-Yakamochi (716-785), Ariwara-no-Narihira (825-880), Ariwara-no-Yukihira (818-893) und die Generäle Sakanôe-no-Tamuramaro (758-811) und Minamoto-no-Mitsunaka (912-997). Die Techniken und Methoden des Hofes wurden durch solch Personen bewahrt und mit Hilfe staatlicher Falkner über die Jahre vorangetragen.

Das scheinbar älteste Buch über die Falkenjagd stammt aus dem Jahre 818 und trägt den Titel Shinshû Yôkyô (Die neuen Regeln über Falken). Es basiert auf älteren, chinesischen Texten sowie eigenen Erfahrungen. Es beinhaltet die Themengebiete Handhabung, Training, Jagd und die Biomedizin der Raubvögel. Ebenfalls wird der Gebrauch des Takatanuki beschrieben, einem Hand/Armschuh, welcher das japanische Gegenstück zum arabischen Mangalah darstellt. Eine Verbindung zum Egake, einer anderen Art des Handschuh, wird nicht angegeben. Seit jener Zeit waren der Buntfalke und der Habicht die Standardwahl bei der Jagd.

Interessant ist ebenfalls anzumerken, dass im 8. Jahrhundert das Thema Falkenjagd den Weg in die Poesie (Waka) gefunden hatte. Ohtomo-no-Yakamochi verfasste selbst drei Gedichte, welche später von vielen weiteren gefolgt wurden, bis in die Zeit des endgültigen Verbots der Falkenjagd für den höfischen Adelsstand im frühen 17. Jahrhundert.

Weitere Zeugnisse über die Falkenjagd der damaligen Zeit finden sich u.a. auch in der Genji-Monogatari und den Ise-Monogatari. Darüber hinaus finden sich ebenfalls Informationen in den Nihon Ryôki (8.-9. Jahrhundert), Ohkagami (11.-12. Jahrhundert) oder den Konjaku-Geschichen (12. Jahrhundert). Gemälde bezogen auf die Falkenjagd finden sich ebenfalls aus dem 8. Jahrhundert. Die Wichtigkeit dieser Art der Kunst erzeugte eine eigene Art der Kleidung und der Ausrüstung. Obwohl nichts aus der damaligen Zeit die Jahrhunderte überdauert hat, lässt sich anhand geschriebener Aufzeichnung und Bildern die damalige Situation sehr gut ausmalen. Heutzutage noch verwendet man immer noch eine rote Leine aus Seide, welche bereits im 10. Jahrhundert aufgetaucht ist. Die Ästhetik in Bezug auf die Kleidung und der Ausrüstung der Falkenjagd hat bis heute überdauert.

Entwicklungen während des Mittelalters (12. – 16. Jahrhundert)

Die Falkenjagd während des Mittelalters war eng verknüpft mit dem Niedergang des Adels (Kuge) und dem Erstarkens der Kriegerkaste. Titel und Interessen gewannen an Bedeutung und dem Sinn nach Legitimität wurde Wissen systematisiert und es entstanden innerhalb des Hofadels erste Schulen der Falkenjagd die ihr Wissen durch mündliche Überlieferung weitergaben und Geheimnisse vor der Öffentlichkeit bewahren wollten. Unter diesen Familien-Schulen haben die Jinyôin sowie die Saionji einige wichtige Texte zur Falkenjagd hinterlassen. Auf der anderen Seite entstanden in Ost-Japan unter der Kriegerkaste andere Schulen der Falkenjagd (Netsu, Seirai, Utsunomiya, usw).

Beide Strömungen hatten bereits vor dem 12. Jahrhundert und auch danach Kontakt zueinander. Dieser intensivierte sich aber mit der Schaffung des Ashikaga-Shogunats in Kyoto (1336). Von diesem Zeitpunkt an wurde der Einfluss beider Strömungen zueinander immer größer. So folgten alsbald weitere Texte zur Falkenjagd, geschrieben von den Netsu und Seirai. Im Vergleich fanden sich später in den höfischen Schriften weitere Verweise auf die Schulen im Osten.

Saionji Sanekane (1248-1322 ), Nijô Yoshimoto (1320-1388) und Konoe ryûuzan (1536-1612 ), alle drei Mitglieder des höfischen Adels und von hohem Rang, haben jeder selbst einen Satz an Gedichten zum Wissen der Falkenjagd hinterlassen.

Mit ansteigender Popularität kamen auch neue Probleme hinzu: Falkner mussten sich von nun an der Kritik des Buddhismus und seinem Verhältnis zum Tode stellen. Der höfische Adel fand Zuflucht im Gott Hachiman als Schutzpatron der Falkenjagd. Ihnen gegenüber stand der Kriegerstand mit den Gottheiten Suwa und Futarasan. Gerade die Verehrung von Suwa gewann im laufe der Jahre an größerer Bedeutung, auch unter den Jägern des höfischen Adels. Zaubersprüche um für eine gute Jagd zu bitten oder um die Rückkehr eines verloren gegangenen Vogels fanden ihren Weg auch in die shintoistischen Praktiken der damaligen Zeit.

Die Jagdkunst zog auch in die Kunst und Literatur ein: Kasuga Gongen Kenki E (Die illustrierte Geschichte der Wunder der Gottheit Kasuga; Kaiserliche Sammlung), beigetragen von Saionji Kimihira (1264-1315 ), einer der größten Falkner seiner Zeit, zeigt die Falkenjagd vom höfischen Adel.

Diese Art der Kunst, das Porträtieren von Jagdvögeln, entwickelte sich zu einer eigenständischen Kunstform im 16. Jahrhundert in Form vom hängenden Wandrollen, Wandschirmen oder Bemalungen von Schiebetüren. Aufgrund dieser sehr guten Malereien lassen sich diverse Informationen über den damaligen Stand der Falknerei ablesen. So handelt es sich zum Beispiel bei den Igiri um eine Art Lederwicklungen, welche das Geschüh mit den Zehen verbindet. Diese waren chinesischem oder manchurischem Ursprungs welches man oft auf Porträts von sibirischen Habichten erkennen kann.
Mit dem Ende des Mittelalters fand sich immer mehr hohe Fürsten als große Freunde der Falknerjagd. Asakura Norikage (1477 – 1555) versuchte sich erfolgreich in der Aufzucht von Habichten. Oda Nobunaga (1534 – 1582) entwickelte eine eigene Art der Jagdspiels und Tokugawa Ieyasu (1542 – 1615) wird oftmals als größter Falkner in der japanischen Geschichte beschrieben.

Falknerei unter dem Tokugawa Shogunat

Tokugawa Ieyasu verbot die Falkenjagd für den höfischen Adel und formte ein landesweites, hierarchisches System der Falknerei für die höhere Klasse der Samurai. Zudem wollte er die Jagd in den Provinzen und Dörfern regulieren und steuern. Er selbst beschäftigte eine Reihe von Falknern diverser Schulen, wobei er selbst die Falkner-Tradition unter Koneo Ryûzan erlernte. In den folgenden Jahren wurden beide Linien der Falknerei, die des Hofadels und der Kriegerkaste, zusammengefügt. Obwohl die Falkenjagd auf nationaler Ebene kurzweilig verboten wurden ist (von Tokugawa Tsunayoshi zwischen den Jahren 1693 – 1709), wurde vom 8. Shogun Tokugawa Yoshimune (1684 – 1709) dieses Verbot wieder aufgehoben und das System der Falknerei reformiert. Er selbst war nicht nur an der Falkenjagd interessiert sondern verfasste selbst eine Arbeit über die Jagd mit Kranichen. Seine Sammlung über die klassische Falknerei findet sich heute in den Nationalarchiven Japans und den kaiserlichen Archiven.

Die Beziehung zwischen Tokugawa Ieyasu und der Falknerei lässt sich auch gut an seinem Schrein, dem Tôshôgû, erkennen: Falkner haben selbst bei seiner Totenzeremonie teilgenommen und während der ganzen Edo-Zeit entstanden weitere Tôshôgû-Schreine an denen man Schnitzereien von Jagdvögeln sehen konnte. Heutzutage gibt es noch ca. 130 solcher Tôshôgu-Schreine im ganzen Land.

Jagdszenen können auf vielen bemalten Rollen und Wandschirmen bewundert werden. Eines der bekanntesten ist das Hanami Takagarizu Byôbu von Unkoku Tugan. Dabei handelt es sich um einen Wandschirm der eine Jagdszene während der Kirschblüten-Schau zeigt. Heutzutage kann man diesen Wandschirm im Kunstmuseum in Tokyo sehen. Zudem zählt er zu den wichtigen nationalen Kulturgütern. Ein weiterer Wandschirm trägt den Titel Takagarizu Byôbu (Wandschirm mit Jagdszene) und wurde von Kasumi Morikage bemalt. Es zeigt die Jagdkunst im frühen 17. Jahrhundert.
So wie Kriegstaktiken sich verändert hatten, von berittenen Soldaten zu Ansammlungen von Soldaten zu Fuß, so tat es auch die Ausrüstung und Kleidung der Krieger. Diese Wandlungen fanden auch Einzug in die Falkenjagd: Berittene Jagd fand nur noch vereinzelt mit Buntfalken statt und es wurde eher Wert auf die Jagd in kurzer Entfernung gelegt. Manche Forscher vergleichen diese Art der Jagd mit dem ästhetischen Werten des Iai.

Die Falken-Porträts der Tokugawa-Zeit veränderten sich von stereotypischer Darstellung zu individuellen Porträts einzelner Vögel. Dieses war vermutlich einzigartig in Ost-Asien und spiegelt sehr gut die Affinität der herrschenden Klasse für diese Art der Jagd wieder.

Die traditionelle Jagdausrüstung die bis unsere heutige Zeit überdauert hat entstammt der Tokugawa-Zeit. Diejenige die in Philipp Franz von Siebold´s „Nippon“ gezeigt wurden ist, ist fast identisch mit derer in der Sammlung des Tokugawa Kunstmuseums und der heutigen Ausrüstung.

Verwaltung und Training der Jagdvögel oblag Falknern mit erbbarem Titel welche aus den niederen Schichten der Samurai entstammten. Die Schulen die heutzutage noch existieren sind Nachkommen eben dieser Falkner.

Die strengen Vorschriften, der kurzzeitige Verbot der Jagd, trugen ihren Teil dazu bei, dass der Naturschutz im Laufe der Jahre immer wichiger wurde. Die sogenannten Kamoike, Teiche, wurden im frühen 19. Jahrhundert gebaut und sollten Enten zur Jagd anlocken. Diese wurden stetig zu wahren Paradiesen der Falkenjagd.

Falknerei in der Moderne

Im Zuge der Meiji-Restauration kollabierte das System der Falknerei fast vollständig. Viele seit Generationen angestellte Falkner verloren ihre Arbeit. Das Monopol der Falknerei für Mitglieder des Schwertadels wurde aufgehoben und jeder konnte sich von nun an an der Jagd beteiligen.
Einige ehemalige Daimyo, darunter die Fürsten Ikeda, Date oder Kuroda, stellten ehemalige Falkner an um diese Traditionen aufrecht zu erhalten. Sie bauten weitere Kamoike und setzten die Jagd fort. Dieses hat dann wohl auch Kaiser Meiji dazu bewogen, im Zuge seines Bestreben alte Traditionen zu bewahren, ehemalige Falkner wieder einzustellen, welche fortan als staatliche Falkner dienen sollten. Es wurden weitere Bücher publiziert, die Jagd mit Habichten und Wanderfalken nahm wieder zu und selbst westliche Einflüsse traten nach und nach an die Oberfläche (Kleidung).

Der 2. Weltkrieg kam und die Kunst der Falknerei verschwand fast spurlos. Seitens der Regierung gab es keinen Willen, diese Art der Jagd zu bewahren. Daher ist es ehemaligen staatlichen Falknern zuzuschreiben, dass die Falkenjagd bis in unsere Zeit überdauert hat. Murakoshi Sentarô und Hanami Kaoru zeigten ihre Techniken der Öffentlichkeit und gewannen so wieder an Aufmerksamkeit. Ersterer gehört der Yoshida-ryû an, einem Derivat der mittelalterlichen Netsu-ryû. Letzterer entstammt der Linie der Kobayashi, welche sich selbst der Suwa-ryû zugehörig fühlen. Viele der jetzt noch in Japan aktiven Falkner entstammen zum Großteil einer dieser beiden Schulen. In letzter Zeit wurden aber auch vermehrt westliche Praktiken und wissenschaftliche Erkenntnisse eingeführt und integriert, so wie es vor Jahrhunderten schon einmal der Fall war. Heutzutage gibt es verschiedene Vereine und Interessenverbände die sich dem Wohl und dem Fortwirken der Falkenjagd verschrieben haben. Hierunter fallen die Nihon Takajô Kyôkai (Die Falkner-Vereinigung Japans), die Nihon Hôyô Kyôkai (die japanische Falkner-Vereinigung) sowie die Yoshida-ryû Falknerei-Gesellschaft.

Parallel zu den alten Linien der Falknerei entwickelte sich eine Weitere: Jäger die Adler in die Schneeberge der nördlichen Provinzen führten um dort mit ihnen zu jagen. Nach dem 2. Weltkrieg schrumpfte leider auch diese Art der Jagd. Durch Tsuchida Rin’nosuke (1896-1974), Takeda Uichirô (1915-1992) und Kutsuzawa Asaji (1896-1983) fand diese ganz besondere Verbindung zwischen Tier, Mensch und Natur auch Einzug in die weltliche Kultur abseits der Berge: Es wurden Filme, Bücher und sogar Manga herausgebracht. Der Dokumentarfilm „An Old Man and a Hawk“ gewann bei den Filmfestspielen in Cannes im Jahre 1962 den Preis für den besten Dokumentarfilm. Heutzutage gibt es aber nur noch einen Jäger der diese Art zu Jagen bewahrt hat.

Momentane Situation

Obwohl temporär unter das Jagdlizenz-System (1892 – 1901) gestellt, wurde die Falkenjagd von Steuerauflagen befreit und fällt heutzutage nur noch unter die allgemeinen Jagdgesetze. Mit Ausnahme von Kutsuzawa Asaji wurde bis zum heutigen Tage niemand mit dem Titel „Unverzichtbares Kulturgut“ auf nationaler und lokaler Ebene ausgezeichnet. Obwohl die Zahl der aktiven Falkner in den letzten Jahren ein wenig gestiegen ist, ist die Gruppe immer noch sehr klein. Momentan gibt es ungefähr 180 Falkner und es wird von manchen Außenstehenden immer noch als illegal angesehen.

Obwohl die Öffentlichkeit den kulturellen Wert der Falkenjagd anerkennt, wird ihr eigentlicher Sinn der Jagd gerne außen vor gelassen. Es ist von Nöten, diese Kunst nicht als reine Darbietung zur Unterhaltung der Massen verkommen zu lassen, sondern sowohl die Aufklärung der Öffentlichkeit voranzutreiben wie auch die eigentliche Jagd im freien Feld. Obwohl heutzutage westliche Praktiken und Kleidung ebenfalls integriert wurden, wird der traditionelle Wert mit den alten Techniken und dem Wissen vergangener Tage bewahrt und von Generation zu Generation weiter gegeben.

Die nationale Vogelschutzgesellschaft ihrerseits würde die Falknerei gerne auf Basis der Jagdgesetze verbieten und gleichzeitig den Import und die Aussetzung nichtjapanischer Tiere regulieren bzw. ebenfalls unterbinden. Um diesem entgegen zu wirken, haben sich in den letzten Jahren einige Vereine und Gesellschaften zur Nationalen Konferenz der japanischen Falknerei zusammengefunden.

Um mehr in das Blickfeld der Öffentlichkeit zu geraten, engagieren sich in den letzten Jahren vermehrt Falkner in wissenschaftlichen Forschungen oder der Rehabilitation von verletzten Tieren. Seminare von Seiten der Japanischen Falkner Vereinigung sollen weiteres Wissen in den Gebieten Veterinärmedizin oder der Rehabilitation bereitstellen.

Zudem wurden verschiedene Bücher zum Thema Falkenjagd herausgebracht und jährlich werden ein bis zwei Museumsausstellungen zum Thema angeboten. Nichtsdestotrotz steckt dieses Forschungsgebiet noch in den Kinderschuhen. Daher ist es von Nöten, dass akademische Experten und ausgebildete Falkner hier Hand in Hand miteinander gehen.

Japanische Museen und Büchereien besitzen einen Fundus an klassischer Literatur zum Thema. Trotzdem wurde bei weitem noch nicht alles bibliographisch erfasst und es besteht immer noch die Möglichkeit, dass in den Händen Unwissender wahre Schätze von der Bildfläche von Forschung und Praxis verschwinden könnten.

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An dieser Stelle endet der erste Teil zur Falkenjagd in Japan. Anbei zwei interessante Videos:

Suwa ryu Vorführung:

Ein Auschnitt aus der Dokumentation „Hawking in Dewa“. Diese Region befindet sich in den Präfekturen Akita und Yamagata:

Ich hoffe, dass diese kleine Übersetzung dem Leser einen interessanten Einblick in diese andere Seite der japanischen Kultur ermöglicht hat.

Yours in Budo,
Micha

"Wäre ich ein Tautropfen, so würde ich auf der Spitze eines Blattes Zuflucht suchen. Aber da ich ein Mensch bin, habe ich keinen Ort auf der ganzen Welt." - Saigo Takamori
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