You are currently browsing the category archive for the ‘Kultur’ category.

Hallo,

mit ein wenig Verspätung hier nun der Bericht zur diesjährigen Falknerei-vorführung in Tôkyô.

Wie in jedem Jahr fand die diesjährige Vorführung im Hamarikyû-Park in Tôkyô statt, einem von zwei ehemaligen Revieren zur Entenjagd der Togukawa Shôgune bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts. Im Jahre 1654 baute Tokugawa Tsunashige eine zweite Residenz und sollte ab der Regenz des 6. Shogun Tokugawa Ienobu als Rückzugsort der Tokugawa-Familie gelten. Während der Meiji-Restauration wurde der Garten als Ort für kaiserliche Veranstaltungen genutzt, doch im Jahre 1889 schwer beschädigt. Am 3. November 1945 wurde der Park als kaiserliches Geschenk der Stadt Tôkyô übergeben und für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Am 2. bzw. 3. Januar wurde zweimal täglich die Kunst der Falknerei der Suwa ryû Hôyôjutsu dargeboten. Jede Vorführung dauerte ungefähr 60 Minuten und bot einen Überblick über verschiedene Aspekte der Falknerei, darunter:

  • Wamawari – Das Umhergehen der Falkner mit den Vögeln um sie an das Terrain zu gewöhnen
  • Watari – Das Rufen der Vögel zum Arm des Falkners
  • Furikae – Das Rufen der Vögel von einem Falkner zu einem anderen
  • Awase – Beschleunigung des Vogels durch eine Art „Wurfbewegung“ zum Erreichen einer höheren Geschwindigkeit auf kurze Distanzen
  • Furibato – Trainieren des Vogels  zum Greifen des Wilds in der Luft
  • Agetaka-jikomi – Warten in der Luft, um auf Kommando des Falkners das Wild anzugreifen

Die Kleidung der Falkner basiert auf jener welche während der Meiji- und Taisho-Periode vom Kaiserlichen Hofamt festgelegt worden ist. Die alten Schnürschuhe, Strohsandelen und die Kappe der Edo-Periode wurden gegen Zehensocken – den sogenannten Jika-Tabi – sowie einer Jagdkappe ausgetauscht. Hiermit wollte man sich von der Edo-Periode und der damals herrschenden Obrigkeit absetzen.

Im folgenden einige (kurze) Videos, aufgenommen im Hamarikyû-Park.

Und einige Fotos:

Mit etwas Glück wird es sich bei Teil 3. dieser kleinen Reihe dann um einen weiteren Bericht handeln, welcher dann hoffentlich einen Besuch der Suwa ryû als Thema haben wird. Man darf also gespannt sein!

Yours in Budô,
Micha

ps: Wer Teil 1. der Reihe noch einmal lesen möchte: https://lifeforasword.wordpress.com/2012/02/10/traditionelle-falknerei-in-japan-teil-1-geschichte/

Nun, eigentlich gefällt mir der Titel nur bedingt, trifft es den Kern dieses Eintrags doch nur zum Teil. Obwohl mir „Hinrichtung und Folter in der Edo-Periode“ eher passgenau erschien, beließ ich es bei obigem. Nicht, dass noch die falschen Leute auf diesen Blog gezogen werden..
Am gestrigen Mittwoch hatte ich mir etwas eher makaberes vorgenommen: Die Meiji Universität hat eine Daueraustellung zum Thema Kriminalistik und Rechtsprechung mit einigen interessanten Exponaten und Schriftstücken, darunter Gesetzestexte, Verbrecherstatistiken und viele, viele Utensilien zur Festhaltung, Inhaftierung, Folter und Hinrichtung von Strafgefangenen.

Ich möchte an dieser Stelle nicht zu sehr ins Detail gehen, sondern auf den wie ich finde sehr guten englischen Blog JAPAN THIS! verweisen, welcher sich normalerweise mit der Geschichte Tôkyôs und den einzelnen Stadtteilen beschäftigt.

Im vorliegenden Fall hat der Herausgeber im Zuge eine Serie von Artikeln die drei großen Orte für Hinrichtungen in direkter Nähe zur Hauptstadt Edo beschrieben. Dabei handelt es sich um die Orte Suzugamori (Shinagawa), Kozukappara (Minami-Senjû) und Denma-chô.

Der erste Artikel bietet eine leichte Einführung in das Thema und lässt sich hier finden.

Die nächsten drei Artikel befassen sich mit den oben beschriebenen Orten. Als Warnung: Manche der Fotos sind nicht schön. Gekreuzigte und auf Pfählen Aufgespießte sind nicht jedermanns Sache. Gleiches gilt für die Fotos, die ich weiter unten im Artikel eingepflegt habe, obwohl ich darauf achtete, nicht zu sehr in die Ekelkiste zu greifen. Man verzeihe auch die teils schlechte Aufnahmequalität. Die Belichtung war nicht die Beste und im Zoombereich war es wirlich anstrengend gute Fotos zu machen. Einige Exponate stammen übrigens auch aus anderen Ländern, darunter ein Buch aus Österreich, eine eiserne Jungfrau sowie eine Guillotine.

Artikel Nr. 1: Suzugamori Shikeijô

Artikel Nr. 2: Kozukappara Shikeijô

Artikel Nr. 3: Das Gefängnis in Denma-chô

Warum also ein Artikel über Hinrichtung und Folter? Und wieso ein Besuch im Kriminalmuseum? Nun – ganz einfach: Weil es dazu gehört. Die schöne, tolle Samuraiwelt mit all ihrem Zen, Blumenstecken und Tee-Trinken ist nur eine Facette (ist sie es wirklich?) einer Gesellschaft, die strengsten Regeln und Normen unterlag und noch immer unterliegt. Dieses „an die Regeln“ halten kann man selbst heutzutage noch beobachten, wenn man sich einfach mal anschaut, wie die Japaner erzogen und auf Gehorsam getrimmt werden. Keiner tanzt aus der Reihe, und wenn doch – siehe den armen Juristen der einen Brief an den Tenno überreicht hat – hagelt es Schelte von allen Seiten. Der Nagel der übersteht wird eingeschlagen – der wohl treffendste Satz zu dem Thema. Das die Japaner nicht zimperlich waren, kann man an den obigen Artikeln und den Fotos erkennen. Ein System, welches auf das strikte Einhalten von Regeln fixiert ist, kann sich keine Auswüchse leisten – denn dann würde es Kratzer bekommen. Ohne Kontrolle keine Ordnung, ohne Ordnung keine Sicherheit.

Mag in der heutigen Zeit gar nicht mal so weit hergeholt sein.

Yours in Budô,

Micha

Ps: Wer sich die Ausstellung gerne einmal anschauen möchte: Das Uni-Gebäude befindet sich in geringer Reichweite zur JR-Station Ochanomizu. Das Museum ist im Keller des Hauptgebäudes angesiedelt. Der Eintritt ist kostenlos.

Nun, obwohl ich angekündigt hatte, mich größtenteils auf das Seishûn 18 Kippu zu verlassen, gönnte ich mir für die Fahrt nach Mie doch den Luxus eines Bustickets – für schlappe 3500 Yen (ca. 27 Euro) ging es mit einem sehr komfortablen Highway-Bus von Tôkyô nach Nagoya.  Dauer: 5 1/2 Stunden. Mit an Bord: Ein umfangreiches Entertainmentsystem mit Filmen, Serien und Musik. Auch hier ein Tipp: Falls ihr mal günstig durchs Land kommen wollt, gebt den Fernreisebussen (sowohl Nacht-  wie auch Tagbussen) eine Chance. Obwohl es in den letzten Monaten des öfteren zu Unfällen kam (eine entsprechende Reaktion in Form einer Verschärfung der gesetzlichen Betimmungen für Fernreisen wurde bereits erlassen), ist diese Art und Weise zu Reisen immer noch eine sehr günstige und angenehme Alternative zu den preislich doch höher angesiedelten Shinkansen, den japanischen Schnellzügen.

Nun, da war ich also in Nagoya, doch nur zwecks Umsteigen. Weitergehen sollte es nach Mie, genauer gesagt in die kleine Stadt Kuwana. Es war Donnerstag Mittag, doch sollte Nagoya am Samstag nochmals ein Besuch abgestattet werden.

In Kuwana erwartete mich Russ Ebert, einigen vielleicht bekannt durch seinen Youtube-Channel (mekugi) und seinem Onlineshop, dem Futagotrader. Russ praktiziert neben Shintô Musô ryû Jôjutsu auch Kukamishin ryû sowie Hôten ryû. Nach Ankunft bei ihm Zuhause haben wir es uns also nicht nehmen lassen, ein wenig zu trainieren. Russ schnappte sich seine Ausrüstung und schon ging es raus in die Hitze, um bei gut 35 Grad Isshin ryû Kusarigamajutsu sowie Ikkaku ryû zu trainieren. Den Abend verbrachten wir bei guten Drinks, leckerem Essen und vielen Gesprächen zum Thema Budô und dem Leben in Japan.

Am nächsten Tag machte ich mich früh auf Richtung Kameyama und Matsusaka. Kameyama ist bekannt für seine alte Station an der Tokaidô, der Hauptverkehrsader im feudalen Japan. Doch ist Kameyama auch bekannt als Sitz der Shingyôtô ryû, einer Schule des Sôgô-Bujutsu, welche unter anderem den Umgang mit dem Schwert (Kenjutsu, Battô, Ryôtô), diversen Langwaffen und Taijutsu lehrt. Das Dôjô der Schule – genannt Enbûjô – befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Kameyama Jinja. So war es auch, dass ich zwar das Dôjô vorfand, es aber geschlossen war. Ich hatte irgendwie schon damit gerechnet. Also holte ich meine Kamera hervor und begann, so gut es geht die Impressionen und baulichen Eigenheiten festzuhalten. Ein wenig enttäuscht ging ich nun weiter zum Schrein. Als ich mich dort umsah, kam eine ältere Frau auf mich zu. Wie ich später erfuhr, handelte es sich dabei um die Verwalterin des Schreins. Sie fragte mich nach meiner Herkunft und dem Grund für meinen Besuch und ich erklärte ihr, dass ich primär wegen der Shingyôtô ryû gekommen sei. (An dieser Stelle möchte ich gerne auf meinen Artikel über den Besuch bei der Kôgen Ittô ryû verweisen und auf die spezielle Art der Hilfsbereitschaft in Japan, denn was jetzt kommt, spielt in der gleichen Kategorie). Jedenfalls erklärte ich ihr, dass ich selbst Kobudô studieren würde und deswegen nach Kameyama gekommen sei. Als ich ihr zudem sagte, dass das Dôjô momentan geschlossen sei, entfachte dieses wohl den Derwish-Mode in ihr und sie bat mich, kurz Platz zu nehmen, sie würde nur eben einen Anruf tätigen. Jedenfalls machte sie sich auf ins Haus und kam kurze Zeit später mit der Nachricht zurück, es sei jemand auf dem Wegm der mit das Dôjô aufschliessen würde. Ich saß also im Vorraum des Verwaltungsgebäudes des Schreins und wartete, in meinem Rücken der lauwarme Wind des Ventilators, den die alte Dame freundlicherweise dort plaziert hatte, in der weisen Voraussicht, dass ich sonst ganz dahingeschmolzen wäre, dank der Hitze. Jedenfalls traf kurze Zeit späte die besagte Person ein. Dabei handelte es sich um niemand geringeren als Kobayashi-sensei, momentaner Hauptlehrer für Shingyôtô ryû. Nach einer kurzen Begrüßung und einer Vorstellung meinerseits, ging es also endlich in die Hallen des Kameyama Enbûjô.

STOPP! Da ich ja die schöne Kategorie „Das Dôjô. Kampf. Kunst. Kultur“ habe, wird der Teil über das Enbujô dort zu finden sein.

Nun, Kameyama war also abgehakt. Schrein, Dôjô, persönliche Führung von Sensei – der Tag fing ja gut an. Leider sollte es – in Sachen Budô – dabei bleiben. Meine zweite Station sollte sich in der Stadt Matsusaka finden, südlich von Kameyama und bekannt für Matsusaka-gyû, Rindfleisch aus Matsusaka, von dem gesagt wird, es zähle zu den drei besten Fleischsorten in Japan (Stichwort Kuh + Bier = Yummi). Grund für meine Fahrt nach Matsusaka war der eigentliche Besuch bei Mimura-sensei, Lehrer für Ryûgô ryû Kenjutsu und Bokuden ryû Kusarigamajutsu. Leider war sein Haus etwas am Rand von Matsusaka und ich wusste nicht, wie man am besten hinkommen könnte. Ich sandte vorab zwar einen Brief, dieser blieb aber unbeantwortet (wie sich später herausstellen sollte, konnte sich Mimura-sensei trotzdem an mich erinnern und an mein Vorhaben, ihn besuchen zu kommen). Jedenfalls steuerte ich nach Ankunft zunächst das örtliche Tourismuszentrum an und fragte dort nach Auskunft. Tja, und wie es so läuft in Japan, kannte zufällig eine Mitarbeiterin jenen Mimura-sensei, da sie vor mehr als 30 Jahren selbst bei ihm Kendô gelernt hatte. Jedenfalls hat sie es sich nicht nehmen lassen und telefonierte kurze Zeit später mit Sensei. Dieser sei sehr beschäftigt mit der Reisernte und könne mich daher nicht empfangen. Zudem würde er beide Schulen schon seit einigen Jahren nicht mehr unterrichten. Ob einige seiner alten Schüler immer noch dabei wären, könnte man mir nicht sagen. Tja, da saß ich nun also. Wäre sein Haus leichter zu erreichen gewesen, wäre ich vermutlich ganz naiv einfach vorbeigefahren – manche Leute muss man wohl einfach zu ihrem Glück zwingen. Bitte, man möge mich nicht falsch verstehen. Ich möchte niemanden bedrängen oder mich aufzwingen – nur finde ich, dass solch wunderbare Dinge wie die alten Schulen nicht in Vergessenheit geraten sollten. Insbesondere die Bokuden ryû Kusarigama, von der gesagt wird, Mimura-sensei sei der letzte Lehrer dieser Schule. Nun, ich für meinen Teil beschloss jedoch, nach meiner Rückkehr nach Tôkyô nochmal den schriftlichen Kontakt suchen zu wollen. Auch wenn es nur von theoretischer Natur ist, so würde ich doch gerne – auch wenn es nur Bruchstücke sind – mehr über diese beiden Schulen erfahren.
Ich verließ also das Tourismuszentrum und machte mich auf, die Stadt ein wenig zu erkunden. Dabei war mein Ziel die Überbleibsel des Schloss Matsusaka. Das was noch steht, die Mauern, ein paar Bäume und Co., ist wirklich interessant anzusehen. Wenn man also gerade in der Stadt ist, sollte man die paar Minuten Fußweg ruhig in Kauf nehmen. Oh, und falls jemand in Geld schwimmen sollte: Das Rind soll überaus gut sein – aber für 300 Gram 15.000 Yen – ich weiß ja nicht.

Somit endete Tag 2 in Mie mit zwei Erlebnissen, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Der nächste Tag, Samstag, stand ganz im Zeichen der Burg Nagoya. Ein weiterer Kumpane aus Tôkyô kam hinzu (Steven R., besser bekannt unter dem Label „Gudkarma“) und gemeinsam mit Russ Familie ging es Richtung Burg. Unser Guide sollte kein geringerer sein als Chriss Glenn, ein „Nagoya Original“. Historiker, Autor, Radio DJ, Helikopterpilot – ausgestattet mit einer Stimme, die selbst James Earl Jones alle Ehre machen würde. Die Burg Nagoya ist sozusagen sein zweiter Wohnsitz, obwohl man dieses wohl auch über Sekigahara sagen könnte, den Ort, der Japans Zukunft massgeblich beeinflusst hat und über den Chriss momentan ein Buch schreibt. Jedenfalls begann die Tour in den äußeren Ringen der Burg mit detaillierten Erklärungen über ihre Geschichte, den Bau und die jeweiligen Hausherren. Es folgte eine weitere Führung durch den nach der Restauration wiedereröffneten Palast sowie die inneren Räume der Burg. Nach mehreren Stunden und diversen ungläubigen Blicken seitens anderer Besucher (Chriss Glenn, Promi, ne?), ging es zurück Richtung Kuwana. Der Tag wurde bei gutem chinesischem Essen und diversen alkoholischen Getränken verabschiedet.

Der eigentliche Grund für unseren Besuch in Mie – obwohl Kameyama, Matsusaka und Nagoya auch toll waren – war das Kensôsai-Enbu zu Ehren von Aisu Ikôsai, Gründer der Kage ryû. Das Enbu wird alljährlich am letzten bzw. vorletzten Wochenende im August in der kleinen Stadt Minami-Ise ausgetragen. Normalerweise wird hierzu der Grund eines Schreins genutzt, inmitten von hohen Bambushainen, umgeben vom Gesang der Zikaden. Leider hatte es der Wettergott in diesem Jahr nicht gut mit den Teilnehmern gemeint, und so wurde das Enbu aufgrund von Regen in das örtliche Kendôjô verlegt. Dieses hatte jedoch den Vorteil, dass es nicht so unsaglich heiß war und man sich wenigstens ein wenig hinsetzen konnte. Man suchte sich einen guten Platz, kramte seine Kamera hervor und wartete auf den Beginn der Vorführungen. Das Enbu begann gegen 9:30 Uhr und endete um 13:30 Uhr. Obwohl Schwertschulen in der Überzahl waren, gab es auch Vorführungen von Schulen des Naginatajutsu und des Sôjutsu. Im Ganzen war das Enbu sehr interessant. Kobayashi-sensei habe ich ebenfalls wieder getroffen. Trotzdem gab es auch ein paar Naja-Momente, bei denen ich wirklich an den jeweiligen Vorführenden gezweifelt habe. Nun, eigentlich nicht direkt an der Person an sich, sondern der Schule und der Art und Weise ihrer Technikausführung. Insbesondere eine Iai-Schule ist mir im Gedächtnis geblieben: Ich kann einfach nicht verstehen, wieso man die Handgelenke beim Schneiden überstrecken sollte. Ungesund, keine stabile Verbindung zwischen Hand und Schwert – nein, absolut nicht mein Fall. Ich glaube auch, dass ich deren Demo gar nicht erst gefilmt hatte – aber vielleicht finde ich auf YouTube einen kurzen Ausschnitt. Meine absoluten Highlights waren zum einen die Jikishinkage ryû-Vorführung zweier Damen, sowie jene der Shingyôtô ryû und eine klasse Tachi Uchi no Kurai-Darbietung einer Musô Jikiden Eishin ryû-Gruppe aus Ôsaka. Im Folgenden die Teilnehmerliste:

  • Nihon Kendô Kata
  • Hokushin Shinnô ryû Iai
  • Yagyû Seigô ryû Iai
  • Musô Jikiden Eishin ryû Iai
  • Bukutô ni yoru Kendô Kihon waza Keikohô (Basics in Kendô)
  • Hôki ryû
  • Hikita Shinkage ryû
  • Toyama ryû
  • Tennen Rishin ryû
  • Nihon Buyô
  • Yagyû Shinkage ryû Heihô
  • Musô Jikiden Eishin ryû
  • Ono-ha Ittô ryû
  • Yamato Yagyû Shinkage ryû Heihô
  • Jikishinkage ryû Naginatajutsu
  • Yagyû Shinkage ryû Heihô
  • Aisu Kage ryû
  • Kage ryû
  • Owari-kan ryû
  • Shingyôtô ryû

Zum Abschluss gab es noch ein kleines Shiai der örtlichen Kendô-Kindergruppe, bei dem jeder ein bzw. drei (bei den Älteren) Luftballons auf dem Men befestigt hatte.

Das Enbu endete um die Mittagszeit. Anschließend wurde an alle Teilnehmer und Gäste ein kaltes Nudelgericht sowie Sushi herausgegeben. Sehr lecker und eine tolle Geste zum Abschluss. Zusammen mit Steven ging es anschließend zurück Richtung Tôkyô über Nagoya. Vier interessante Tage kamen ihrem Ende entgegen. Hat sich gelohnt wie ich finde.

Und nun, ein paar Fotos.

Yours in Budô,

Micha

Servus,

nun, der japanische Sommer hat mich mit voller Wucht erwischt. Ich bin jetzt seit etwas mehr als einer Woche wieder zurück in Japan, aber mein Körper ist irgendwie immer noch in Europa. Hitze, Feuchtigkeit, das viele durch die Gegend laufen – der Körper schreit förmlich nach Flüssigkeit, einer Klimaanlage und so wenig Bewegung wie möglich. Aber Japan wäre nicht Japan, wenn man wenigstens dem letzten Teil irgendwie entgegen wirken würde. Was bleibt einem also anderes übrig als sich ins Dôjô zu bewegen und – genau – ordentlich zu trainieren.

Nun, bevor der Ernst des Lebens wieder seinen Weg geht, sollte man die einem noch verbleibende Zeit nach bestem Wissen nutzen. Und was bietet sich da besseres an, als ein paar kleine Tagestouren? In Japan gibt es das sogenannte Seishun Jûhachi Kippu, mit dem man (als Einzelperson) an fünf Tagen unbegrenzt die Lokalzüge der Japanischen Bahn (Japan Railways) benutzen kann. Also fünf Tickets an fünf Tagen, so weit einem es die Zeit erlaubt. Theoretisch ist es damit möglich, innerhalb eines Tages von Tôkyô nach Kyûshû zu fahren. Das Ticket kostet 11,500 Yen (also 2,300 Yen pro Tag) und ist eine sehr günstige Alternative zu den teuren Shinkansen-Zügen (und in manchen Fällen auch zu den Fernverkehrsbussen).

Ich habe mir also gedacht: Was ist innerhalb eines Tages machbar und steht in direkter Beziehung zu den Koryû? Nun, dabei kamen mir ein paar Ideen:

  • Besuch der Stadt Mito (Mito-Tôbukan, Taya no Bôjutsu, etc.)
  • Besuch bei der Maniwa nen ryû in Takasaki
  • Besuch des Katori-Schrein in Chiba sowie des Kashima-Schrein in Ibaraki
  • Fahrt nach Mie zum Kensosai, einem Enbu zu Ehren von Aisu Ikôsai (okay, hier werde ich ein paar Nächte bleiben. Koryû-technisch wird es aber (hoffentlich!) auch hoch hergehen

Nun, da fehlt aber noch eine Fahrt. Wohin soll die Reise gehen? Vorschläge?

Yours in Budô,

Micha

Ps: Als kleine Neuheit möchte ich den geneigten Leser auf meine neu eingerichtete Bücherecke verweisen. Den entsprechenden Link findet man oben in der Leiste.

Hallo,

spricht man von den japanischen Kampf- und Kriegskünsten, sei es unter dem Banner der Begriffe Budô, Kobudô, Koryû Bujutsu oder Bugei, geht man in aller Regel von einer Ausbildung innerhalb des Kriegerstandes¹ aus. Im Laufe ihrer Geschichte haben sich jedoch aus den Schulen des Koryû Bujutsu eigene Traditionen entwickelt, welche insbesondere unter der Landbevölkerung, also denjenigen, denen es nicht gestattet war, Schwerter zu führen, Anklang fanden. Obwohl es natürlich auch Schulen gab, die klassischerweise dem Koryû Bujutsu entsprangen und, wie beispielsweise die Tennen Rishin ryû 天然理心流, im großen Maße auch weiterhin ihre Kunst an Nicht-Bushi weitergaben, enstanden doch jene, welche explizit der Landbevölkerung zu Gute kommen sollten und sich heutzutage insbesondere auf kulturellen Festlichkeiten, sogenannten Matsuri 祭り, beobachten lassen. Viele dieser Schulen kann man unter den Begriffen Bô no te 棒の手 (Die Methode des Bô) oder Bô odori 棒踊り (Bô-Tanz) zusammenfassen, wobei letzterer Begriff in vielen Fällen sehr schlüssig die Art und Weise der Ausführung der Techniken beschreibt, als eine Art religiösen Tanz, um u.a. für reiche Ernten und Glück im Jahr zu bitten. Jedoch gibt es auch Schulen, welche schlicht die Bezeichnung des Bôjutsu 棒術 verwenden, worunter man aber nicht nur den Umgang mit dem Bô versteht, sondern auch Techniken mit dem Schwert oder der Naginata.

Es scheint nicht verwunderlich, dass viele dieser Schulen enge Beziehungen zu Shintô-Schreinen pflegen und oftmals auch nur zu bestimmten Zeiten im Jahr ihre Künste darbieten. Insbesondere in der Präfektur Aichi, ca. 300 Km von der Hauptstand Tôkyô im Westen den Landes gelegen, hat sich bis heute eine Vielzahl dieser Schulen bewahrt, welche in den meisten Fällen direkt aus den Schulen des Koryû Bujutsu entstanden sind, darunter bekannte Vertreter wie die Shinkage ryû 新影流棒術, die Tôgun ryû 東軍流 oder die Musô ryû 夢想流.

In der Stadt Kumagaya, in der heutigen Präfektur Saitama, hat sich eine sehr spezielle Art der Katori Shintô ryû 香取神道流 erhalten, welche sich selbst als Shintô Katori ryû Bôjutsu 神道香取流棒術 bezeichnet. Diese Ausprägung hat ihren Ursprung im 17. Jahrhundert und geht auf Nakatsugawa Matauemon 中津川亦右衛門 zurück. Insgesamt umfasst diese Schule 24 Methoden, jeweils unterteilt in 12 Omote-Formen, welche öffentlich auf Enbu gezeigt werden, sowie 12 Ura-Formen, die als geheime Techniken zur Selbstverteidigung ausgelegt sind. Zweimal pro Jahr, jeweils im Frühjahr (am zweiten Sonntag im April) und im Sommer (dritter Sonntag im Juli), werden die Techniken der Schule der Öffentlichkeit gezeigt. 1958 wurde die Schule zum geistigen Kulturschatz der Stadt Kumagaya ernannt.

IMG_0449

Grundlegend finden sich klare Anzeichung für die auch jetzt noch gegebene Verbindung zwischen der Ursprungsschule und der Shintô Katori ryû. Der Name der Schule sorgt anfangs vielleicht für Verwirrungen. Obwohl die Schule Bôjutsu im Namen trägt, sind die Techniken reines Kenjutsu. Der Grund hierfür liegt, wie schon erwähnt, an der Tatsache, dass das einfache Volk unter Restriktionen stand, welche das Tragen von bestimmten Waffen verbot. Da der Bô in diesem Sinne nicht betroffen war, fügte man der Schule diesen Namenszusatz an und konnte somit die Fortführung der Schule sicherstellen.

Das folgende Video zeigt jenes Shintô Katori ryû und sollte inbesondere von Schülern der Katori Shintô ryû genauer in Augenschein genommen werden:

Wie schon erwähnt hat sich insbesondere in der Präfektur Aichi eine reichhaltige Kultur dieser Kunstform bewahrt. Die Städte Toyoda und Owari-asahi blicken auf eine Lange Tradition des Bô no te zurück. Allein in Letzterer finden sich folgende fünf Schulen: Muni ryû 無二流, Gentô ryû 検藤流, Jikishinga ryû 直心我流, Tôgun ryû 東軍流 sowie die Jikishimusô Tôgun ryû 直師夢想東軍流. Anbei eine kleine Auswahl an beweglichen Bildern. Man bemerke die Umgebung.

Kamata ryû 鎌田流, ebenfalls aus der Präfektur Aichi:

Tendô Kamata ryû 天道鎌田流 (Stadt Toyota)

Jikishimusô Tôgun ryû 直師夢想東軍流

Das folgende Video ist gut 20 Minuten lang und zeigt das Bôjutsu der Muhi ryû, welche in der Präfektur Ibaraki bis in die heutige Zeit überliefert worden ist. Die Techniken werden auch als Taya no bôjutsu 田谷の棒術, nach dem Ort der Ausübung, benannt. Obwohl der kämpferische Aspekt im Vergleich zu den vorangegangen Videos höher ist, hat diese Schule eine ebenfalls sehr enge Bindung zum Kasuga-Schrein der Stadt Mito in Ibaraki. Die Techniken selbst gehen bis auf die Schlacht von Sekigahara zurück. Die Schule wurde ab dem Jahre 1783 in Taya gelehrt und hat bis zum heutigen Tag mehr als 700 Schüler in den Techniken unterrichtet. Im Video sieht man kurz eine sehr dicke Schriftrolle. Dabei handelt es sich um das Schülerregister, welches von Generation zu Generation weitergereicht worden ist. Im Jahr 2011 wurde die Schule zum geistigen Kulturschatz der Stadt Mito ernannt.

Wie man sieht, haben sich neben den kriegerischen Traditionen ganz eigene, charakteristische Stile der Landbevölkerung entwickelt. Ebenso ist es nicht verwunderlich, dass gerade diese Art der Traditionspflege sich über Generationen hinweg gehalten hat, scheinen sie sich doch auch heutzutage noch  unheimlicher Popularität zu erfreuen.

Yours in Budô,
Micha

¹Auf eine genaue Definition des Kriegerstandes wird an dieser Stelle abgesehen, doch ist den meisten Lesern sicherlich bewusst, auf welche Personengruppen ich abziele.

 

Hallo,

gut, man könnte mir jetzt Befangenheit vorwerfen, aber ich bin ein absoluter Fan der japanischen Sprache. Insbesondere auch der verschiedenen Dialekte, welche sich in nicht wenigen Teilen in sehr hohem Maße vom Hochjapanisch der Schulen und Universitäten unterscheidet.

Kampfkunst und Sprache – zwei Dinge, die auf essentieller Basis miteinander verwoben sind. Für Japaner ist der Gebrauch obligatorisch. Für Ausländer offenbart die japanische Sprache oftmals große Hürden. Natürlich, Sprache ist nicht ausschlaggebend – nicht in erster Linie – wenn es darum geht, Techniken und Kata übermittelt zu bekommen: Da wird hier und dort der Körper in die richtige Position gebracht, durch Beobachtung und Nachahmung die Bewegung verinnerlicht und durch Learning by Doing, Step-by-Step, ein Fuß vor den Anderen auf dem Weg in der Kunst gesetzt.

Sprache ist der Schlüssel zu einer Kultur, zu den Menschen, ihren Sitten und Gebräuchen. Sprache muss gelernt und gepflegt werden. Der Gebrauch der Sprache zeugt auch von dem Willen, sich integrieren zu wollen. Sei es in kleinen Worten oder ausschweifenden Reden. Sprache kann Barrieren zum Einsturz bringen, Vorurteile abbauen und Differenzen begleichen.

Sprache bietet dem Schüler jedoch die Möglichkeit, tiefer in das Bewusstsein seiner Kunst hinabzutauschen. Bücher wollen gelesen werden, Schriftrollen entziffert. Man möchte den Gesprächen der Lehrer lauschen, ihren Anweisungen folgen und an ihren Erfahrungen teilhaben. Sprache ist wie die Technik in der Kunst: Sie muss sich entwickeln. Jede Vokabel, jeder Satz, jedes Kommentar und jede Anmerkung, sei sie noch so klein und vielleicht unbedeutend, zeugt von Wichtigkeit. Sei es eine Liste der Kata, Techniken oder Kamae der Schule. Jedes Verständnis, welches wir durch die Sprache erreichen, manifestiert sich in uns. Sprache ist gleichzeitig Ausdruck und Empfang. Ein tieferes Verständnis für eine Kunst erlangt man nur durch unermüdliches Üben der Technik und der Sprache.

Schulen des Koryû Bujutsu waren seit jeher lokalen Gegebenheiten unterworfen. Sie waren oftmals nur in bestimmten Gebieten ansässig, sind dort entsprungen und nie über die Landesgrenzen hinaus getragen worden. Die regionale Verbundenheit lässt sich auch heutzutage noch für viele Schulen erkennen: Die Kashima Shintô ryû ist immer noch eng mit dem Kashima-Schrein in Ibaraki verbunden, die Owari-kan ryû ihrerseits mit dem ehemaligen Gebiet der Owari-han in der heutigen Präfektur Aichi. Selbst Schulen, die nur auf speziellen Inseln vorkamen, findet man heutzutage immer noch dort, wo sie entstanden sind, darunter die Kurama Yôshin ryû oder die Chikubujima ryû.

Die Takenouchi ryû, eine Schule des Sôgô Bujutsu, ist seit ihrer Gründung vor mehr als 400 Jahren in der Präfektur Okayama ansässig. Takenouchi Tôjûrô, 13. Oberhaupt der Sôdenke-Linie, hat – wie die folgenden Videos zeigen werden – ein ganz besonderes Verhältnis zur japanischen Sprache, insbesondere dem Dialekt, welcher in der Präfektur Okayama als Okayama-ben gesprochen wird. In kurzen Episoden unterrichtet er zwei junge Schüler in der Sprechweise seiner Heimat. Zwischendurch gibt es immer mal wieder kurze Einblicke in die Techniken der Schule. Auch wird an manch einer Stelle die Geschichte der Schule behandelt. Und was natürlich am wichtigsten ist: Alles wurde so aufbereitet, dass die (japanischen) Zuschauer ihre Kenntnisse im Okayama-ben vertiefen konnten.
Das Schönste ist aber die Leichtigkeit und die gehörige Portion Humor. Wer den japanischen Humor ein wenig kennt, weiß, was ich meine.

Yours in Budô,

Micha

Hallo

Kurz vor Weihnachten zwei kurze Linkempfehlungen:

International Suigetsujuku Bujutsu Association 国際水月塾武術協会

Der Name klingt ein wenig umständlich, doch handelt es sich dabei um die Organisation von Osano Jun 小佐野淳, welche in Deutschland von Carsten Schroeder aus Berlin vertreten wird.Osano-sensei hat in den 30 Jahren viele Bücher zum Thema Koryû Bujutsu verfasst und seit einiger Zeit pflegt er einen Blog über die klassischen Schulen Japans. Einziger Haken: Dieser ist – wer hätte es anders gedacht – auf Japanisch.

Kokusai Suigetsujuku Bujutsu Kyôkai

Es lohnt sich trotzdem, dem Blog mal einen Besuch abzustatten. Die vielen Fotos sind wirklich interessant anzuschauen.

Traditional Arrow Craftsman

Beim zweiten Link handelt es sich um ein Interview mit Herrn Koyama Saburo, Pfeilmacher in 6. Generation. Chris Glenn, Mitglied der Owari-kan ryû, hat dieses Interview durchgeführt.

Einleitungstext:

Born in 1948, Koyama Saburo is a 6th generation arrow craftsman and current president of his Meiji Era established arrow making firm, Koyama-Ya.In 2008, he was the recipient of an Aichi Prefecture Regional Crafts and Technology Achievement Award. That same year he was also awarded the Okazaki Business Award for Innovation through the Protection of Traditional, Cultural Techniques.

Zum Interview

Yours in Budô

Micha

Hallo,

ein wirklich wunderschönes Interview mit Kato-sensei von der Owari-kan ryu wurde vor einiger Zeit auf Japanworld.info veröffentlicht:

Kato Isao. 13th Heir of the Owari Yagyu Shinkage Ryu,
and Master of the Shunpukan Dojo

Born to an Owari clan warrior family in 1933, and a descendant of the great samurai general, Kato Kiyomasa, Kato Isao began learning Judo, Karate and Kendo from the age of eight. From there he became a disciple of Owari Yagyu Shingake Ryu style under Kanbei Kanehichi  He inherited the leadership of the classical martial art and the Shunpukan Dojo from Master Kanehichi. The Shunpukan Dojo is currently operated from the second floor of his company’s factory.

Interview

Am Samstag werde ich die Gelegenheit bekommen, ihn einmal live erleben zu dürfen. Ich freue mich auf den Besuch im Shunpukan, in dessen Zuge ich mich auch von einem Freund verabschieden werde, einem Schüler von Kato-sensei.

Die Zeit in Japan neigt sich dem Ende…wer weiss, was noch alles kommen mag.

Yours in Budo,

Micha

Im Zuge des Abschlusses des Antikominternpakts im Jahre 1936 zwischen dem Deutschen Reich und dem Japanischen Kaiserreich, kam es in den folgenden Jahren zu diversen Besuchen auf politischer und kultureller Ebene, insbesondere auch auf dem Gebiet des Jugendaustauschs: Im Frühjahr 1938 machte sich erstmals eine Delegation aus Japan auf den Weg nach Europa. Der Grund: Die Verbreitung japanischer Sportarten, insbesondere des Jûdô und Kendô. Die Hauptakteure, 12 junge Studenten nahmhafter Universitäten, bereisten innerhalb von drei Monaten Italien, Deutschland und Frankreich und trafen während ihrer Zeit nicht nur auf hochranrige Mitglieder der jeweiligen herrschenden Schicht, sei es Mussolini oder aber Adolf Hitler, sondern boten darüber hinaus mehrmals die Gelgenheit zum sportlichen Austausch. Dieses Reise wird in einem späteren Artikel noch näher betrachtet, doch im Folgenden wird auf das Pendant von deutscher Seite aus eingangen.

Am 16. August 1938 erreicht eine 30 köpfige Gruppe der Hitlerjugend Japan per Schiff der Norddeutschen Lloyd Gneisenau den Hafen von Yokohama im Zuge des Deutsch-Japanischen Jugendaustauschs. Unter tosendem Applaus wurde sie am nächsten Tag am Bahnhof Tôkyô von einer Menge jubelnder Japaner empfangen. Während ihres dreimonatigen Aufenthalts im Land der aufgehenden Sonne bereiste die Gruppe zahlreiche Plätze und absolvierte eigens für sie organisierte Schulungen zur japanischen Kultur und Mentalität und knüpfte, insbesondere mit der japanischen Vereinigung junger Männer, einige Kontakte. Die Japan Times titelte in ihrer Ausgabe vom 18. September 1938: „Willkommen, Hitlerjugend!“. Nahmhafte Firmen deutschen wie auch japanischen Ursprungs schalteten grossflächige Werbeanzeigen, darunter Bosch und Leitz und die Ausgabe war fast ausschliesslich diesem Ereignis gewidmet.

Wieso ist nun aber diese Reise aus Sicht der Kampfkunst von Interesse? Nun, während ihrer Zeit in Japan war die Gruppe ebenfalls an einer Vorführung altjapanischer Kampfkünste in der Nationalsporthalle in Kanda, Tôkyô am 15. September anwesend. Bereits an dem Tag hatten sie das Kriegsmuseum am Yasukuni-Schrein, dem Yûshûkan, einen Besuch abgestattet und anschliessend mit dem Minister für Bildung und Erziehrung, Herrn Araki, zu Mittag gegessen. Die Vorführung selbst begann um 14:30 Uhr und endete um 15:40 Uhr. Organisator war die Vereinigung für Japanische Kultur. Zu Beginn gab es eine shintoisitische Zeremonie gefolgt von einigen einleitenden Worten von Koyama Matsukichi, dem Direktor der Vereinigung. Die erste Darbietung der Vorführung kam von Seiten der Takeda ryû, welche ihr Jingaijutsu zeigte, die Signalgebung mit Hilfe einer Muschel. Es folgten weitere Darbietungen im Iaijutsu (Tatsumi ryû), Jûjutsu (Shinkage ryû, Shinnoshindô ryû, Sosuishitsu ryû), Jôjutsu (Shintô Musô ryû), Naginatajutsu (Tendô ryû), Kudayajutsu (Heki ryû) und einige weitere. Die Katori Shintô ryû war ebenfalls anwesend und zeigte ihr Tachijutsu, Bôjutsu und Sôjutsu. Shiina Ichizô-sensei sowie Sugino Yoshio-sensei und einige weitere Mitglieder seiner Familie waren die Vorführenden. Ihre Gruppe war mit fünf Teilnehmern auch die Grösste an diesem Tag. Von der gesamten Reise wurde ebenfalls ein Film angefertigt, der in den folgenden Monaten sowohl in Japan wie auch in Deutschland gezeigt worden ist. Ob diese Vorführung ebenfalls dort zu sehen ist, ist nach jetzigem Informationsstand nicht ganz klar.

Was sagt uns dieses jetzt aber? Zunächst einmal soviel, dass die japapanische Regierung es für wichtig erachtet hatte, die klassischen Kampfkünste ihren Besuchern zu zeigen. Obwohl auch der Kôdôkan sowie eine Schule für Sumô besucht worden sind, wurde eigens für die Koryû eine Veranstaltung organisiert. Desweiteren wird ebenfalls unterstrichen, welch Stellung die Sugino-Familie zu dem Zeitpunkt (und auch in den folgenden Jahrzehnten) hatte. Die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg war geprägt von einer Reihe wichtiger Enbu, darunter die vier grossen Enbu zur Gründung der Nihon Kobudô Shinkôkai im Jahre 1935. Eines der spannendsten Enbu ist aber vermutlich jenes in Berlin im Jahre 1938, zur Zeit als die 12 Stundenten aus Japan in Europa weilten. Dieses wird in einem separaten Artikel zur gegebener Zeit veröffentlicht. Nur soviel sei verraten: Es fanden nicht nur Kendô- und Judôvorführungen statt. Tameshigiri, Iai und auch Katori Shintô ryû wurden gezeigt. Im Beisein von Adolf Hitler und in Answesenheit von Yoshio Sugino als einer der Vorführenden…

Anmerkung: In den kommenden Monaten wird es vermutlich auch zu dieser Vorführung noch neue Informationen und Erkenntnisse geben und sobald Alle bestmöglich zusammen getragen wurden, wird es einen weiteren, grossen und ausführlicheren Artikel zu diesem Thema geben.

Hallo,

wie manch einer vermutlich schon erkannt hat, sind die Videos vom letzten Enbu in Matsushiro von meinem Blog wie von meinem Youtube-Channel verschwunden.

Das hat den Grund, dass ich am Wochenende, sagen wir – bestimmt und ernergisch – gebeten worden bin, die Videos sofort zu entfernen, da es Seitens der Verantstalter und einigen Teilnehmern zu Beschwerden gekommen ist.

Nun, was ich mir auf die Fahne schreiben kann, und dazu stehe ich, ist die Tatsache, dass ich die Verantstalter nicht gefragt habe, ob ich die Videos online stellen darf. Habe ich in Vergangenheit auch nie gemacht. Meiji Enbu, Kashima, Kyoto, um nur drei Grosse zu nennen. Oeffentliche Vorführung, öffentliches Gut. Schaden? Meiner Meinung nach keiner. Publicity? Perfekt! Fundamentalistische Ansichten bezüglich der Anpreisung der Schule? Nicht mehr zeitgemäss und altbacken.

Ich muss gestehen, früher habe ich es auch nicht gerne gesehen, wenn Dinge über meiner Schule veröffentlicht worden sind, insbesondere dann, wenn es sich um Techniken oder ergänzende Erklärungen zu den höheren Teilen der Schule gehandelt hat. Doch hat sich diese Art der Denkweise verändert.

Es gibt keine Geheimnisse.

Punkt.

Das, was wir als Okuden oder Gokui kennen, das, was früher das Überleben der Schule gesichert hat, also der technische Vorteil gegenüber den anderen Schulen, ist nichts weiter als ein Stadium in der Entwicklung eines jeden Einzelnen, welches bis dato noch nicht erreicht worden ist. In dieses Stadium kommt man nur durch die Kuden, die mündliche Unterweisung. Erst durch diese Anleitungen des Lehrers zum Handeln entwickelt man sich auf ein höheres Niveau. Wenn man ganz oben angekommen ist, spricht man dann noch von Okuden? Oder ist man einfach nur in der Schule voll aufgegangen und hat seinen Körper so gut wie möglich geschult, Schlachten überstanden und ein langes Leben gehabt?

Pseudo-traditionelle Gemeinnistuerei ist für unsere jetzige Zeit nicht mehr tragbar. Koryu sind am sterben. Japaner interessieren sich so gut wie gar nicht für diese Art der Kultur, ja, sie wissen oftmals garnicht, was Koryu überhaupt sind. Die Zeiten, in denen man die technischen Aspekte aus Sicht der Überlegenheit gegenüber anderen Schulen (oder auch aus kommerzieller Sicht) bewahren musste sind vorbei. Kennt man die Kuden nicht, kann man noch soviele Okuden-Techniken gesehen haben, doch hat man die Schule nicht im Geringsten verstanden.

Zeigt man der Welt nicht, was seit Jahrhunderten überliefert worden ist; sorgt man nicht für Nachwuchs und die Weitergabe des Feuers, sind diese Traditionen unweigerlich dem Tode geweiht.

Was wurden Bücher geschrieben über eine Vielzahl von Schulen, Videos publiziert, diverse Organisationen zur Erhaltung und zur Förderung der Kampfkünste begründet und was ist passiert? Es existieren immer noch konservative Ansichten, die sich der Entwicklungen der letzten Jahrzehnte wiedersetzen. Koryu müssen zu einem gewissen Teil mit der Zeit gehen. Dazu gehört auch eine liberale Umgangsweise mit öffentlichen Demonstrationen. Wenn man nicht will, dass etwaige Infos gestreut werden, solle man sich halt eine andere Herangehensweise überlegen.

Man muss sich ja nur einmal den Markt anschauen: Otake-sensei von der Katori Shinto ryu: Mehrere DVDs, Bücher, Dokumentationen. Von der Ono-ha Itto ryu gibt es auch ein Buch mit Titel „Itto ryu Gokui“, Kuroda Tetsuzan publiziert in regelmässigen Abständen im Hiden. BAB, der Nippon Budokan, das Bukokukai in Kyoto: DVDs noch und nöcher. Das Seminar an der Budo-Universitaet in Chiba: Seit über einem Jahrzehnt sind Koryu ständiger Gast.

Und da sag mir noch einmal jemand, Koryu wüden sich nicht präsentieren wollen…

Das Feedback seitens der Betrachter der Videos war jedenfalls eindeutig: Durchweg positive Rueckmeldung und oftmals eine gehörige Portion Erstaunen, dass solch Schulen in Japan noch existieren.

Persönlich werde ich meine Angewohnheiten jetzt jedenfalls nicht ändern. Wenn etwas wert ist gezeigt zu werden, sollte es gezeigt werden. Ich spreche nicht umsonst immer von Kampfkunst.

Das Feuer muss weitergegeben werden – auch wenn dieses heutzutage (im Kleinen) über Youtube und Facebook geschehen mag. Solange man das Training im Dojo nicht vergisst, die Prinzipien verinnerlicht und an die nächste Generation weiter gibt, sollte man ruhig mit der Zeit gehen können.

Was denkt die Leserschaft denn? Meinungen erbeten!

Yours in Budo,

Micha

"Wäre ich ein Tautropfen, so würde ich auf der Spitze eines Blattes Zuflucht suchen. Aber da ich ein Mensch bin, habe ich keinen Ort auf der ganzen Welt." - Saigo Takamori
April 2017
M D M D F S S
« Feb    
 12
3456789
10111213141516
17181920212223
24252627282930

Blog Stats

  • 71,962 hits
%d Bloggern gefällt das: