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Keppan – „Siegelabdruck mit Blut; Unterschrift mit Blut. / Schnitt in den Finger und Besiegelung mit Blut.“ (Quelle: Wadoku.de).

Je nach Schule wird in den klassischen Kampfkünsten (und nicht nur dort), der offizielle Eintritt in die Schule mit der Durchführung des Keppan besiegelt. Manche verlangen dieses gleich am Anfang, andere erst im fortgeschrittenen Verlaufs des Studiums, andere wiederum haben diese Praxis komplett abgeschafft (wie z.B. die Kogen Itto-ryu). Im Falle der Katori Shinto-ryu unter Otake-sensei in Narita wird bei Eintritt ins Dojo das Keppan verlangt, obwohl es auch hier Ausnahmen gibt, insbesondere wenn es für die ausländischen Schüler nicht möglich ist, direkt in Japan Keppan abzulegen. Hierzu kann man auf Wikipedia lesen:

Historically, before beginning any training in Tenshin Shōden Katori Shintō-ryū, every prospective pupil had to sign an oath of allegiance to the school. The method was to make keppan (blood oath) in support of the following kisho or kishomon (pledge). This oath was a written one with the prospective member being required to sign his name in his own blood. The applicant would prick or cut a finger or sometimes the inner arm and with the blood drawn, sign the following pledge:

On becoming a member of the Tenshin Shōden Katori Shintō-ryū which has been transmitted by the Great Deity of the Katori Shrine, I herewith affirm my pledge that:

    1. I will not have the impertinence to discuss or demonstrate details of the ryū to either non-members or members, even if they are relatives;
    2. I will not engage in altercations or misuse the art against others;
    3. I will never engage in any kind of gambling nor frequent disreputable places.
    4. I will not cross swords with any followers of other martial traditions without authorization.

I hereby pledge to firmly adhere to each of the above articles. Should I break any of these articles I will submit to the punishment of the Great Deity of Katori and the Great Deity Marishiten. Herewith I solemnly swear and affix my blood seal to this oath to these Great Deities. […]

Andere Schulen hingegen verlangen (bzw. es kann sogar freigestellt sein) Keppan erst nach einigen Jahren des Trainings, wenn man sich zum einen aklimatisiert, die Grundschule der Schule absolviert und gezeigt hat, dass man jetzt bereit sei den nächsten Schritt zugehen. Oftmals ist dieser Schritt jener vom Omote zum Ura (Okuden)-Level der jeweiligen Schule.

Keppan während der Edo-Priode hatte unter bestimmtem Voraussetzungen einen wichtigen und nachvollziehbaren Sinn. Bewahrung des USP (unique selling proposition) der Schule, Verpflichtungen ihr gegenüber, usw. In Zeiten einer aufgeklärten Gesellschaft, in der man nicht mehr den Zorn der Gottheit Marishiten fürchten muss, in Zeiten von Youtube, Google und Co., wo sowieso ein jeder zu jeder Zeit alle möglichen Informationen zur Verfügung gestellt bekommt, scheint die Tradition des Keppan fast als eine Art Relikt aus einer anderen Zeit. Und das ist es, ohne Frage, insbesondere da Riten wie ein „Bluteid“ in der westlichen Gesellschaft als archaisch und grenzwertig angesehen werden.

Prekär wird es, wenn unter dem Vorbehalt der Verschlossenheit Keppan als Schutzschild benutzt wird, um sich abfallend von anderen Abwenden zu können, um darüber hinaus die eigene Position noch weiter hervorheben zu wollen. Kein Keppan, keine Kekse. Man stelle sich nur einmal vor: Person A (kein Keppan) trainiert intensiv für mehrere Jahre unter einem hervorragenden Lehrer. Keppan möchte er zwar machen, doch gab es bis jetzt nicht die Gelegenheit. Person B, mehr oder minder Anfänger, jedoch mit Keppan, wird nun aber – dank der Schulregeln – über Person A gestellt. Auf Grund von Erfahrung? Nein, sondern da Keppan als einziges Auswahlkriterium gewertet wird – und auch so kommuniziert wird. Wenn dann Phrasen folgen wie: „Ich (B) lasse mich von dir (A) nicht korrigieren, da ich Keppan habe und damit dein Sempai bin …“, kann einem die Zornesröte nur ins Gesicht steigen. Gleiches gilt dafür, wenn sich ein „Frischling“ (wenige Monate Trainingserfahrung) dazu aufmacht, eine Trainingsgruppe zu gründen und es nicht einsieht, wenn ein Älterer (ebenfalls Keppan) ihn korrigieren möchte, da „er ja jetzt seine eigene Gruppe hätte“.

Ein anderes Beispiel: Man nehme an, ein Junge von 11 – 12 Jahren kommt mit seiner Trainingsgruppe nach Japan. Alle machen Keppan, er ebenso. Die Frage ist hier: Macht es Sinn, bzw. ist es im Sinne der Schule, wenn ein Kind Keppan ablegt, welches vermutlich nicht im geringsten den Sinn hinter der Prozedur versteht? Natürlich, Rules are Rules, aber würde man sich hiermit als Verantwortlicher nicht selbst betrügen und zu einer stärkeren Verwässerung beitragen?

Ellis Amdur – Shihan der Araki-ryu und Toda-ha Buko-ryu – hat einige sehr gute Dinge zum Thema Keppan gesagt. Hier ein Auszug:

It seems to me that a lot of the problems you describe are exemplars of the degeneration of a ryu, not a problem with keppan. If a teacher has so many students (as some koryu have) that they do not even know them – and teaching is delegated to seniors in various dojos who have not even learned the entire curriculum, then its very likely that 80%+ will quit. Because they joined without any more seriousness than joining a sports club. If a teacher of a koryu is a man or woman of integrity, they a) make it difficult to join b) impress upon the prospective student the seriousness of joining. OTOH, keppan has this problem – a blood oath today may be, for most, a quaint cultural artifact. The keppan-sho has a catalogue, pro forma, in one sense, of every deity and power in the whole cosmos. It actually meant something awesome (in the original meaning of this word – affecting one with a sense of facing powers greater than one’s comprehension). Today, few are shaken spiritually when offering keppan. Consider this – you’ve just signed military papers, and you are on your way to a war zone. From this day forward, your life is changed, and no longer, in many ways, your own possession. You go to sleep that night-or try- and maybe you are too excited to sleep, or too shaken. But you can’t take it back. Today, not only do many sign a keppan-sho without any psychological valence or sense of the numinous, but many teachers do not regard it that way either. The problem isn’t keppan – the problem is the vitiation of what most koryu are today.”

Obwohl Keppan durchaus eine Berechtigung hat (ich persönlich bin ein Freund davon), sollte weitaus wichtiger aber der an den Tag gelegte Einsatz, Wille und die Hingabe sein, also die Einstellung zur jeweiligen Ryu. Keppan als fadenscheiniges Kontrollinstrument heranzuziehen zeugt vielleicht von Traditionsbewusstsein, aber gleichzeitig auch davon, dass man die Verantwortung über die Schülerschaft an eine „höhere Instanz“ abgibt, ohne wirklich zu wissen, was für eine Person da eigentlich vor einem sitzt.  Keppan als System zur hierarischen Einteilung der Mitglieder, als politisches Druckmittel oder als Vorwand um die Schule „clean“ zu halten ist unsinnig und schädigend ihrem Fortbestand gegenüber. Keppan sollte nicht als Pseudo-Vorraussetzung zum Studium der Koryu dienen, sondern (wenn es innerhalb der Schule praktiziert wird) den Kreis derer, die sich bereits commited haben , festigen, ohne dabei die Hauptfaktoren des Studiums aus den Augen zu verlieren.

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Hallo.

Nach langer Zeit (endlich?) mal wieder ein Artikel. Dieses Thema hat mir schon seit längerem unter den Finger gebrannt.

Dass dieser Blog momentan nicht übermäßig gepflegt wird liegt nicht daran, dass es nichts zu berichten gibt, sondern vielmehr an der Tatsache dass ich – durch Arbeit und andere Dinge – sehr eingespannt bin und nicht mehr die Zeit finde, aktiver hier zu schreiben. Das soll natürlich aber nicht heißen, dass dieser Blog komplett eingehen wird. Es mag nur etwas dauern. Und wer ein größeres Interesse hat, kann mich natürlich auch jederzeit per Email kontaktieren.

Yours in Budo,
Micha

"Wäre ich ein Tautropfen, so würde ich auf der Spitze eines Blattes Zuflucht suchen. Aber da ich ein Mensch bin, habe ich keinen Ort auf der ganzen Welt." - Saigo Takamori
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