Tokushima – Tokushima? Wo bitte liegt Tokushima?
Nun, bis letzten Freitag (13.12.2013) hatte ich selbst nur rudimentäres Wissen über Tokushima – also ehrlich gesagt: Null. Ich wusste, dass Tokushima eine der Präfekturen der Insel Shikoku ist. Hinzu kam die Tatsache, dass nach dem 1. Weltkrieg ein deutsches Kriegsgefangenenlager in der Stadt Naruto existiert hat. Und mehr? Puh, da hört es schon auf.
Nach diesen zwei Tagen in Tokushima kann ich allerdings sagen, dass die Präfektur wirklich einiges zu bieten hat. Zum einen das erwähnte Lager, welches momentan nur als Nachbau existiert und als Kulisse für den Film „Baruto no Gakuen“ diente, welcher die Geschichte der Deutschen in Bando – dem Ort des Lagers – darstellte. Neben Bruno Ganz war auch Matsudaira Ken mit von der Partie, einer der großen Jidaigeki-Schauspieler hier in Japan. Ach, und einer meiner Ex-Kommilitonen war auch mit am Start. In der Nähe des Lagers gibt es überdies das „Deutsche Haus Naruto“, ein Museum über die Geschichte der Deutschen mit einem netten Shop, welcher nicht nur ordentliches Bier verkauft (Jever!) sondern zudem auch mit allerlei anderen deutschen Spezialitäten auftrumpfen konnte. Durch die Partnerschaft Narutos mit Stadt Lüneburg war ein Teil des Museum zudem eben jener Partnerschaft gewidmet.
Naruto ist zudem der Ausgangspunkt zur 88. Tempel-Tour auf Shikoku. Tempel Nr. 1 – den Ryôzen-ji – konnten wir besuchen und ich muss sagen, dass dieser schon recht ansprechend ist. Der kleine Teich mit den Koi-Karpfen, das Herbstlaub, dazu noch der umherstolzierende Kranich – alles in allem war eine sehr tolle und ruhige Stimmung.

Der zweite Tag stand zwar wieder im Zeichen der Kultur, doch dieses Mal gesellte sich eine ganze besondere Sache hinzu: Der Besuch eines Dôjô aus der Meiji-Zeit. Dazu muss man sagen – und das wusste ich bis jetzt auch nicht – dass Tokushima in Sachen Koryû ein ziemlicher Hotspot gewesen sein soll. Die Kanshin ryû – momentan überwiegend zu finden in Shimane – soll dort überaus populär gewesen sein. Gleiches gilt für die Shingyôtô ryû.
Durch einen Kontakt hier in Tôkyô bot sich die Gelegenheit, ein Familiendôjô der Yagyû Shinkage ryû zu besuchen, jener Yagyû Shinkage ryû, die neben der Toda ryû und dem Shindô Yôshin ryû maßgeblichen Einfluss auf das Wadô ryû-Karate gehabt hat.
Nach kurzer Fahrt mit dem Zug wurden wir freundlich von Herrn Tomura empfangen, welcher uns netterweise vom Bahnhof abgeholt hat. Das Dôjô – genannt Kyûbukan – wurde von seinen Vorfahren erbaut und diente in den ersten Jahren vornehmlich als Kenjutsu und Iaijutsu-Dôjô, später – in den Zeiten des Zweiten Weltkrieges – als Übungsstätte für Kendô und Jûkendô. Momentan wird es nur noch vereinzelt genutzt, da es schlichtweg an Nachwuchs mangelt. Das Dôjô wurde im Laufe der Jahre öfters renoviert und ausgebessert. Das Grundgerüst, der Dachstuhl sowie einige weitere Teile sind jedoch noch im Orginalzustand. Der Fußboden wurde vor ungefähr 30 Jahren erneuert, die Außenwände erst vor einigen Jahren. Hierzu hat man von Außen Schutzwände zur Bewahrung der Holzkonstruktion angebracht – eine komplette Erneuerung wäre zu teuer geworden. Das Dôjô selbst ist – wie uns erklärt worden ist – ein Shintô-Schrein, in dessen Zentrum im Kamidana ein heiliger Stein – das sogenannte Goshintai – aufbewahrt wird. Diese Art des Aufbau des Kamidana sei die klassische Art und Weise bei der Konstruktion eines Dôjôs gewesen. Jene die solche Steine weihen sind – in der Region Tokushima – aber sehr selten bis gar nicht mehr auffindbar. Früher soll es wohl einige Dôjô in der Region um das Kyûbukan gegeben haben, doch haben deren Besitzer die Goshintai nicht richtig gewürdigt und dadurch – so sagt man sich – Unheil über das Dôjô und die Schule gebracht. Die Besitzer wurden krank, die Dôjô vom Feuer heimgesucht, usw. Leider muss ich an dieser Stelle gestehen, dass Tomura-san uns soviele Details erzählt hat, sodass ich im Nachhinein nur einen Bruchteil rekonstruieren kann. Gesagt sei aber auch, dass ich im Laufe der nächsten Zeit diverse Informationen nachreichen werde.
Nach der Besichtigung des Dôjô (und einigen Erinnerungsfotos) hatten wir dann die Gelgenheit einige Schriftrollen zu sehen. Darunter auch eine sehr schöne Rolle zur Shingyôtô ryû und der Lehrlinie in Tokushima. Einige Bücher aus der Zeit der Gründung des Dai Nippon Butokukai sowie Fotos aus dem Privatbesitz von Tomura-san über seinen Großvater und die Schule rundeten den Dôjô-Besuch ab. Tomura-san war aber so angetan von unserem Besuch – und unserem Interesse an seinem Geburtstort – dass er uns anschließend ein wenig die Gegend zeigte. Erste Station war ein Schrein zu Ehren von Himiko – der Legende nach die erste namentlich genannte Herrscherin über das Land Yamatai, dem eventuellen Vorläufer von Yamato. Der Schrein war zwar sehr interessant – gerade der Aufstieg – doch das eigentliche Highlight war das fünfeckige Grab der oben genannten Himiko. Nach einer kurzen Fahrt konnten wir dann noch einige Nachbauten von Häusern aus der Jômon-Zeit bewundern, darunter zwei Wohnhäuser wie auch ein Speicher. Nach dieser kurzen Stippvisite in der Vergangenheit ging es dann über zu den kulinarischen Köstlichkeiten von Tokushima, die da wären: Keine! Richtig! Keine! Tomura-san meinte: „Wir haben viele leckere Dinge, doch eine lokale Spezialität gibt es so nicht. Wir aus Tokushima sind bekannt dafür, dass wir soviel essen können! Daher gewinnen unsere Teilnehmer auch immer bei den vielen Esswettbewerben im Land“. Tja, gesagt, getan: Ab ging´s in ein lokales Udon-Restaurant. Und ich muss sagen: Das waren die besten Udon die ich bis jetzt gegessen habe. Insbesondere der Zitrus-Saft hat dem ganzen das gewisse Etwas verliehen. Zudem konnte man nicht nur die einfache und doppelte Portion bestellen, sondern bis zur fünffachen Menge an Udon und Fleisch seine Bestellung aufgeben! Und Laut Besitzer kommt dieses öfter vor als dass die normale Portion bestellt wird. Also, verhungern wird man mit Sicherheit nicht in Tokushima…
Die Zeit verging wie im Fluge und in etwas mehr als drei Stunden sollte unser Flieger zurück nach Tôkyô gehen. Zuvor wollten wir allerdings noch im Ôtsuka Kokusai Bijutsukan, dem „Ôtsuka Kuntmuseum“, vorbeischauen. Das Museum wurde zum 75. jährigen Bestehen des Ôtsuka Konzerns gegründet und beherbergt auf knapp 30.000 m² – der größten Ausstellungsfläche Japans – mehr als 1000 Replikas von bekannten Meisterwerken, darunter einer Nachbildung der Sixtinischen Kapelle, der Mona Lisa oder dem Schrei von Edvard Munch – insgesamt Kunstwerke aus mehr als 25 Ländern, aus über 190 Museen. Alle Kunstwerke wurden in Originalgröße und so nah am Original wie möglich von der Ôtsuka Ohmi Cheramics repliziert, mit einem Verfahren namens „Keramische Reproduktion“. Falls sich jemand dafür interessiert, hier der Link zum Museum: Ôtsuka Kunstmuseum
Wenn man so vor dem Museum steht ist es schon sehr beeindruckend. In den Berg gebaut, mehrere Stockwerke, Außengelände, etc. Gleich gegenüber des Museum – ebenfalls von Ôtsuka gebaut – ein Hotel. Da nicht besonders viel los war – jedenfalls auf den ersten Schein – hatte dieser Anblick etwas von dem übertriebenen Materialismus den man sonst nur aus Nord-Korea kennt. Das Museum jedenfalls ist nicht gerade günstig: Der Eintritt für einen Erwachsenen beläuft sich auf 3.150Yen – für jap. Museen doch schon sehr kostspielig. Aber: Es lohnt sich. Natürlich, man bekommt jetzt nicht die echte Mona Lise zu Gesicht, aber wo auf der Welt kann man sonst soviel Kunst – bzw. so gut gemacht Replika – auf so engem Raum bewundern? Man sollte sich allerdings ein wenig Zeit nehmen – sonst wird man von der schieren Menge an Kunstwerken erschlagen, insbesondere, da von der Antike bis zur Moderne die komplette Bandbreite an gemalter Kunst behandelt wird.

Nun, was bleibt abschließend also zu sagen? Zunächst einmal, dass selbst so – auf den ersten Blick – unscheinbare Orte wie Tokushima doch eine Menge zu bieten haben. Vorausgesetzt, man hat Zeit und auch ein gewisses Maß an Mobilität. Der Nahverkehr ist per Bus zwar relativ gut ausgebaut, doch Züge verkehren zwischen den Städten Tokushima und Naruto (dem Start der 88. Tempeltour) nur jede Stunde. Das Essen ist günstiger als in den Ballungsgebieten und insbesondere Fleisch und Milchprodukte lassen sich gut beziehen. Wenn man also im Besitz eines Railpassen ist – oder die gute Anbindung per Flug nutzen möchte – dem würde ich einen Kurztrip nach Tokushima gerne ans Herz legen. Ich werde bestimmt noch einmal zurückkehren, dann allerdings mit meiner Trainingsausrüstung im Gepäck.

Yours in Budô,
Micha

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