Wie im Beitrag über meine Fahrt nach Mie angekündigt, hier also ein Weiterer über die Shingyôtô ryû und das Enbujô aus der Rubik: „Das Dôjô. Kampf. Kunst. Kultur“

Kameyama ist der Sitz der Shingyôtô ryû, so wie sie von Yamazaki Setsuryûken im Jahre 1864 aus Edo nach Kameyama gebracht worden ist. Bei meinem Besuch im August 2013 konnte ich Dank Kobayashi-sensei, momentaner Lehrverantwortlicher, einen Blick in die Hallen des Dôjôs werfen.

Das alte Dôjô wurde von einem Bushi aus der Kameyama-han – Yamazaki Setsuryûken – im Jahre 1865 errichtet (Yamazaki war zum Zeitpunkt seiner Rückkehr nach Kameyama im Jahr 1864 37 Jahre alt). Yamazaki lernte Shingyôtô ryû im Iba-Dôjô (einem der vier großen Dôjô der Bakumatsu-Zeit) und wurde nach Erhalt der Menkyo Kaiden-Lizenz (er fungierte zudem als Shihan-dai, also als Lehrkraft im Dôjô) und der Rückkehr nach Kameyama Lehrer für Kenjutsu in der Kameyama-han.

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In der Lehrlinie der Shingyôtô ryû aus Kameyama nimmt Kobayashi-sensei, der Herr der mir freundlicherweise das Enbujô gezeigt hat, den 6. Platz als Shihan der Schule ein. 1865 beauftragte Ishigawa Fusanobu (15. Oberhaupt der Kameyama-han) Yamazaki mit dem Bau eines Budôjô, einem Ort zum Studium des Weg der Kriegskünste. Als Ort wählte er das heutige Minamino-chô. Yamazaki orientierte sich dabei an den baulichen Eigenschaften des Iba-Dôjô in Edo. Das Dôjô hatte dabei eine Grundfläche von 50 Tsubo (ca. 165m²). Von dieser Zeit an trug das Dôjô den Namen „Enbujô“. Bis zu jener Zeit wurden allerdings primär andere Schulen unterrichtet, darunter Yagyû Shinkage ryû sowie Kashima Shintô ryû, doch wurde dieses im Jahre 1870 duch ein Dekret von Ishikawa Noriyuki (16. Oberhaupt der Kameyama-han) geändert, welches besagte, dass von nun an nur noch die Shingyôtô ryû als einzige Schule für die Krieger der Kameyama-han gelehrt werden solle.

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Nach Abschaffung der Daimyate im Jahre 1871 gewährte man Yamazaki trotzdem die Forführung seines Unterichts, und selbst mit Verkündung des Haitôrei, der Aufhebung des Rechts zur Tragung des Schwertpaares in 1876, wurde der Unterricht fortgeführt. Mit eigenem Geld kaufte er Ausrüstung, darunter Keikogi, Shinai, Bogû, etc. und stellte sie seinen Schülern kostenfrei zur Verfügung, welches anhielt, bis sie selbst eine Anstellung gefunden hatten und die Kosten aufbringen konnten. Zur Instandhaltung und Verwaltung des Enbujô wurde eine Organisation mit Namen „Sekishinsha“ begründet, welche zum Teil von den Schülern verwaltet worden ist (und heutzutage immer noch existiert).

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Im Jahre 1882 wurde auf Geheiß des Sekishinsha das Dôjô-Gebäude in das heutige Honmaru-chô umgesetzt. Im Jahr 1893 kam es zu einem Vorfall und Yamazaki wählte den Freitod durch Seppkuku. Am 1. Oktober 1899 errichteten die Schüler ihm zu Ehren einen Grabstein, zu dessem Fuß sie das Tantô, mit welchem Yamazaki Seppuku beging, vergruben. Im Jahre 1907 wurde das Enbujô nochmals verlegt, dieses Mal jedoch an den Platz, an dem es auch heutzutage noch zu finden ist. 1950 wurde das Gebäude als Kulturgut der Stadt Kameyama ausgezeichnet. Im darauffolgendem Jahr wurde diese Ehre auch der Shingyôtô ryû zuteil.

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1970 zog die Präfektur Mie nach und erkannte ebenfalls die Schule als präfekturales Kulturgut an. Am 16. Januar 1985 ereignete sich allerdings eine Tragödie und das Dôjô fiel einem Feuer zum Opfer. Durch die Hilfe vieler Freiwilliger konnte das Dôjô jedoch wieder aufgebaut werden und drei Jahre später (1988) wiedereröffnet werden. Man orientierte sich dabei am alten Enbujô und versuchte den Neubau – von innen wie auch von außen – so nah wie möglich am Original zu halten.

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Soviel also zur Geschichte des Enbujô. Ich hatte Glück, da als Kobayashi-sensei den Anfruf bekam, er schon halb auf dem Weg in die Stadt war.

Kobayashi-sensei war so freundlich und stellte sich geduldig meinen Fragen und erklärte mir die Geschichte der Schule sehr eingehend. Die Zahl der Praktizierenden beläuft sich auf momentan knapp 25 Mitglieder. Der Boden besteht aus Kiefernholz und war so, wie man sich einen Dôjô-Boden vorzustellen hat: Wohl benutzt, leicht federnd, guten Halt bietend, einfach perfekt. Nach etwas mehr als einer halben Stunde bekam ich noch ein paar Flyer und wir verabredeten uns für den kommenden Sonntag – geplant war das Kensosai, das Enbu zu Ehren von Aisu Ikôsai in Minami-Ise. Dazu aber später mehr.

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Anbei ein Video der Shingyôtô ryû, aufgenommen am Kashima Jingû, 2011:

Yours in Budô,

Micha

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