Nun, obwohl ich angekündigt hatte, mich größtenteils auf das Seishûn 18 Kippu zu verlassen, gönnte ich mir für die Fahrt nach Mie doch den Luxus eines Bustickets – für schlappe 3500 Yen (ca. 27 Euro) ging es mit einem sehr komfortablen Highway-Bus von Tôkyô nach Nagoya.  Dauer: 5 1/2 Stunden. Mit an Bord: Ein umfangreiches Entertainmentsystem mit Filmen, Serien und Musik. Auch hier ein Tipp: Falls ihr mal günstig durchs Land kommen wollt, gebt den Fernreisebussen (sowohl Nacht-  wie auch Tagbussen) eine Chance. Obwohl es in den letzten Monaten des öfteren zu Unfällen kam (eine entsprechende Reaktion in Form einer Verschärfung der gesetzlichen Betimmungen für Fernreisen wurde bereits erlassen), ist diese Art und Weise zu Reisen immer noch eine sehr günstige und angenehme Alternative zu den preislich doch höher angesiedelten Shinkansen, den japanischen Schnellzügen.

Nun, da war ich also in Nagoya, doch nur zwecks Umsteigen. Weitergehen sollte es nach Mie, genauer gesagt in die kleine Stadt Kuwana. Es war Donnerstag Mittag, doch sollte Nagoya am Samstag nochmals ein Besuch abgestattet werden.

In Kuwana erwartete mich Russ Ebert, einigen vielleicht bekannt durch seinen Youtube-Channel (mekugi) und seinem Onlineshop, dem Futagotrader. Russ praktiziert neben Shintô Musô ryû Jôjutsu auch Kukamishin ryû sowie Hôten ryû. Nach Ankunft bei ihm Zuhause haben wir es uns also nicht nehmen lassen, ein wenig zu trainieren. Russ schnappte sich seine Ausrüstung und schon ging es raus in die Hitze, um bei gut 35 Grad Isshin ryû Kusarigamajutsu sowie Ikkaku ryû zu trainieren. Den Abend verbrachten wir bei guten Drinks, leckerem Essen und vielen Gesprächen zum Thema Budô und dem Leben in Japan.

Am nächsten Tag machte ich mich früh auf Richtung Kameyama und Matsusaka. Kameyama ist bekannt für seine alte Station an der Tokaidô, der Hauptverkehrsader im feudalen Japan. Doch ist Kameyama auch bekannt als Sitz der Shingyôtô ryû, einer Schule des Sôgô-Bujutsu, welche unter anderem den Umgang mit dem Schwert (Kenjutsu, Battô, Ryôtô), diversen Langwaffen und Taijutsu lehrt. Das Dôjô der Schule – genannt Enbûjô – befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Kameyama Jinja. So war es auch, dass ich zwar das Dôjô vorfand, es aber geschlossen war. Ich hatte irgendwie schon damit gerechnet. Also holte ich meine Kamera hervor und begann, so gut es geht die Impressionen und baulichen Eigenheiten festzuhalten. Ein wenig enttäuscht ging ich nun weiter zum Schrein. Als ich mich dort umsah, kam eine ältere Frau auf mich zu. Wie ich später erfuhr, handelte es sich dabei um die Verwalterin des Schreins. Sie fragte mich nach meiner Herkunft und dem Grund für meinen Besuch und ich erklärte ihr, dass ich primär wegen der Shingyôtô ryû gekommen sei. (An dieser Stelle möchte ich gerne auf meinen Artikel über den Besuch bei der Kôgen Ittô ryû verweisen und auf die spezielle Art der Hilfsbereitschaft in Japan, denn was jetzt kommt, spielt in der gleichen Kategorie). Jedenfalls erklärte ich ihr, dass ich selbst Kobudô studieren würde und deswegen nach Kameyama gekommen sei. Als ich ihr zudem sagte, dass das Dôjô momentan geschlossen sei, entfachte dieses wohl den Derwish-Mode in ihr und sie bat mich, kurz Platz zu nehmen, sie würde nur eben einen Anruf tätigen. Jedenfalls machte sie sich auf ins Haus und kam kurze Zeit später mit der Nachricht zurück, es sei jemand auf dem Wegm der mit das Dôjô aufschliessen würde. Ich saß also im Vorraum des Verwaltungsgebäudes des Schreins und wartete, in meinem Rücken der lauwarme Wind des Ventilators, den die alte Dame freundlicherweise dort plaziert hatte, in der weisen Voraussicht, dass ich sonst ganz dahingeschmolzen wäre, dank der Hitze. Jedenfalls traf kurze Zeit späte die besagte Person ein. Dabei handelte es sich um niemand geringeren als Kobayashi-sensei, momentaner Hauptlehrer für Shingyôtô ryû. Nach einer kurzen Begrüßung und einer Vorstellung meinerseits, ging es also endlich in die Hallen des Kameyama Enbûjô.

STOPP! Da ich ja die schöne Kategorie „Das Dôjô. Kampf. Kunst. Kultur“ habe, wird der Teil über das Enbujô dort zu finden sein.

Nun, Kameyama war also abgehakt. Schrein, Dôjô, persönliche Führung von Sensei – der Tag fing ja gut an. Leider sollte es – in Sachen Budô – dabei bleiben. Meine zweite Station sollte sich in der Stadt Matsusaka finden, südlich von Kameyama und bekannt für Matsusaka-gyû, Rindfleisch aus Matsusaka, von dem gesagt wird, es zähle zu den drei besten Fleischsorten in Japan (Stichwort Kuh + Bier = Yummi). Grund für meine Fahrt nach Matsusaka war der eigentliche Besuch bei Mimura-sensei, Lehrer für Ryûgô ryû Kenjutsu und Bokuden ryû Kusarigamajutsu. Leider war sein Haus etwas am Rand von Matsusaka und ich wusste nicht, wie man am besten hinkommen könnte. Ich sandte vorab zwar einen Brief, dieser blieb aber unbeantwortet (wie sich später herausstellen sollte, konnte sich Mimura-sensei trotzdem an mich erinnern und an mein Vorhaben, ihn besuchen zu kommen). Jedenfalls steuerte ich nach Ankunft zunächst das örtliche Tourismuszentrum an und fragte dort nach Auskunft. Tja, und wie es so läuft in Japan, kannte zufällig eine Mitarbeiterin jenen Mimura-sensei, da sie vor mehr als 30 Jahren selbst bei ihm Kendô gelernt hatte. Jedenfalls hat sie es sich nicht nehmen lassen und telefonierte kurze Zeit später mit Sensei. Dieser sei sehr beschäftigt mit der Reisernte und könne mich daher nicht empfangen. Zudem würde er beide Schulen schon seit einigen Jahren nicht mehr unterrichten. Ob einige seiner alten Schüler immer noch dabei wären, könnte man mir nicht sagen. Tja, da saß ich nun also. Wäre sein Haus leichter zu erreichen gewesen, wäre ich vermutlich ganz naiv einfach vorbeigefahren – manche Leute muss man wohl einfach zu ihrem Glück zwingen. Bitte, man möge mich nicht falsch verstehen. Ich möchte niemanden bedrängen oder mich aufzwingen – nur finde ich, dass solch wunderbare Dinge wie die alten Schulen nicht in Vergessenheit geraten sollten. Insbesondere die Bokuden ryû Kusarigama, von der gesagt wird, Mimura-sensei sei der letzte Lehrer dieser Schule. Nun, ich für meinen Teil beschloss jedoch, nach meiner Rückkehr nach Tôkyô nochmal den schriftlichen Kontakt suchen zu wollen. Auch wenn es nur von theoretischer Natur ist, so würde ich doch gerne – auch wenn es nur Bruchstücke sind – mehr über diese beiden Schulen erfahren.
Ich verließ also das Tourismuszentrum und machte mich auf, die Stadt ein wenig zu erkunden. Dabei war mein Ziel die Überbleibsel des Schloss Matsusaka. Das was noch steht, die Mauern, ein paar Bäume und Co., ist wirklich interessant anzusehen. Wenn man also gerade in der Stadt ist, sollte man die paar Minuten Fußweg ruhig in Kauf nehmen. Oh, und falls jemand in Geld schwimmen sollte: Das Rind soll überaus gut sein – aber für 300 Gram 15.000 Yen – ich weiß ja nicht.

Somit endete Tag 2 in Mie mit zwei Erlebnissen, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Der nächste Tag, Samstag, stand ganz im Zeichen der Burg Nagoya. Ein weiterer Kumpane aus Tôkyô kam hinzu (Steven R., besser bekannt unter dem Label „Gudkarma“) und gemeinsam mit Russ Familie ging es Richtung Burg. Unser Guide sollte kein geringerer sein als Chriss Glenn, ein „Nagoya Original“. Historiker, Autor, Radio DJ, Helikopterpilot – ausgestattet mit einer Stimme, die selbst James Earl Jones alle Ehre machen würde. Die Burg Nagoya ist sozusagen sein zweiter Wohnsitz, obwohl man dieses wohl auch über Sekigahara sagen könnte, den Ort, der Japans Zukunft massgeblich beeinflusst hat und über den Chriss momentan ein Buch schreibt. Jedenfalls begann die Tour in den äußeren Ringen der Burg mit detaillierten Erklärungen über ihre Geschichte, den Bau und die jeweiligen Hausherren. Es folgte eine weitere Führung durch den nach der Restauration wiedereröffneten Palast sowie die inneren Räume der Burg. Nach mehreren Stunden und diversen ungläubigen Blicken seitens anderer Besucher (Chriss Glenn, Promi, ne?), ging es zurück Richtung Kuwana. Der Tag wurde bei gutem chinesischem Essen und diversen alkoholischen Getränken verabschiedet.

Der eigentliche Grund für unseren Besuch in Mie – obwohl Kameyama, Matsusaka und Nagoya auch toll waren – war das Kensôsai-Enbu zu Ehren von Aisu Ikôsai, Gründer der Kage ryû. Das Enbu wird alljährlich am letzten bzw. vorletzten Wochenende im August in der kleinen Stadt Minami-Ise ausgetragen. Normalerweise wird hierzu der Grund eines Schreins genutzt, inmitten von hohen Bambushainen, umgeben vom Gesang der Zikaden. Leider hatte es der Wettergott in diesem Jahr nicht gut mit den Teilnehmern gemeint, und so wurde das Enbu aufgrund von Regen in das örtliche Kendôjô verlegt. Dieses hatte jedoch den Vorteil, dass es nicht so unsaglich heiß war und man sich wenigstens ein wenig hinsetzen konnte. Man suchte sich einen guten Platz, kramte seine Kamera hervor und wartete auf den Beginn der Vorführungen. Das Enbu begann gegen 9:30 Uhr und endete um 13:30 Uhr. Obwohl Schwertschulen in der Überzahl waren, gab es auch Vorführungen von Schulen des Naginatajutsu und des Sôjutsu. Im Ganzen war das Enbu sehr interessant. Kobayashi-sensei habe ich ebenfalls wieder getroffen. Trotzdem gab es auch ein paar Naja-Momente, bei denen ich wirklich an den jeweiligen Vorführenden gezweifelt habe. Nun, eigentlich nicht direkt an der Person an sich, sondern der Schule und der Art und Weise ihrer Technikausführung. Insbesondere eine Iai-Schule ist mir im Gedächtnis geblieben: Ich kann einfach nicht verstehen, wieso man die Handgelenke beim Schneiden überstrecken sollte. Ungesund, keine stabile Verbindung zwischen Hand und Schwert – nein, absolut nicht mein Fall. Ich glaube auch, dass ich deren Demo gar nicht erst gefilmt hatte – aber vielleicht finde ich auf YouTube einen kurzen Ausschnitt. Meine absoluten Highlights waren zum einen die Jikishinkage ryû-Vorführung zweier Damen, sowie jene der Shingyôtô ryû und eine klasse Tachi Uchi no Kurai-Darbietung einer Musô Jikiden Eishin ryû-Gruppe aus Ôsaka. Im Folgenden die Teilnehmerliste:

  • Nihon Kendô Kata
  • Hokushin Shinnô ryû Iai
  • Yagyû Seigô ryû Iai
  • Musô Jikiden Eishin ryû Iai
  • Bukutô ni yoru Kendô Kihon waza Keikohô (Basics in Kendô)
  • Hôki ryû
  • Hikita Shinkage ryû
  • Toyama ryû
  • Tennen Rishin ryû
  • Nihon Buyô
  • Yagyû Shinkage ryû Heihô
  • Musô Jikiden Eishin ryû
  • Ono-ha Ittô ryû
  • Yamato Yagyû Shinkage ryû Heihô
  • Jikishinkage ryû Naginatajutsu
  • Yagyû Shinkage ryû Heihô
  • Aisu Kage ryû
  • Kage ryû
  • Owari-kan ryû
  • Shingyôtô ryû

Zum Abschluss gab es noch ein kleines Shiai der örtlichen Kendô-Kindergruppe, bei dem jeder ein bzw. drei (bei den Älteren) Luftballons auf dem Men befestigt hatte.

Das Enbu endete um die Mittagszeit. Anschließend wurde an alle Teilnehmer und Gäste ein kaltes Nudelgericht sowie Sushi herausgegeben. Sehr lecker und eine tolle Geste zum Abschluss. Zusammen mit Steven ging es anschließend zurück Richtung Tôkyô über Nagoya. Vier interessante Tage kamen ihrem Ende entgegen. Hat sich gelohnt wie ich finde.

Und nun, ein paar Fotos.

Yours in Budô,

Micha

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