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Hallo,

spricht man von den japanischen Kampf- und Kriegskünsten, sei es unter dem Banner der Begriffe Budô, Kobudô, Koryû Bujutsu oder Bugei, geht man in aller Regel von einer Ausbildung innerhalb des Kriegerstandes¹ aus. Im Laufe ihrer Geschichte haben sich jedoch aus den Schulen des Koryû Bujutsu eigene Traditionen entwickelt, welche insbesondere unter der Landbevölkerung, also denjenigen, denen es nicht gestattet war, Schwerter zu führen, Anklang fanden. Obwohl es natürlich auch Schulen gab, die klassischerweise dem Koryû Bujutsu entsprangen und, wie beispielsweise die Tennen Rishin ryû 天然理心流, im großen Maße auch weiterhin ihre Kunst an Nicht-Bushi weitergaben, enstanden doch jene, welche explizit der Landbevölkerung zu Gute kommen sollten und sich heutzutage insbesondere auf kulturellen Festlichkeiten, sogenannten Matsuri 祭り, beobachten lassen. Viele dieser Schulen kann man unter den Begriffen Bô no te 棒の手 (Die Methode des Bô) oder Bô odori 棒踊り (Bô-Tanz) zusammenfassen, wobei letzterer Begriff in vielen Fällen sehr schlüssig die Art und Weise der Ausführung der Techniken beschreibt, als eine Art religiösen Tanz, um u.a. für reiche Ernten und Glück im Jahr zu bitten. Jedoch gibt es auch Schulen, welche schlicht die Bezeichnung des Bôjutsu 棒術 verwenden, worunter man aber nicht nur den Umgang mit dem Bô versteht, sondern auch Techniken mit dem Schwert oder der Naginata.

Es scheint nicht verwunderlich, dass viele dieser Schulen enge Beziehungen zu Shintô-Schreinen pflegen und oftmals auch nur zu bestimmten Zeiten im Jahr ihre Künste darbieten. Insbesondere in der Präfektur Aichi, ca. 300 Km von der Hauptstand Tôkyô im Westen den Landes gelegen, hat sich bis heute eine Vielzahl dieser Schulen bewahrt, welche in den meisten Fällen direkt aus den Schulen des Koryû Bujutsu entstanden sind, darunter bekannte Vertreter wie die Shinkage ryû 新影流棒術, die Tôgun ryû 東軍流 oder die Musô ryû 夢想流.

In der Stadt Kumagaya, in der heutigen Präfektur Saitama, hat sich eine sehr spezielle Art der Katori Shintô ryû 香取神道流 erhalten, welche sich selbst als Shintô Katori ryû Bôjutsu 神道香取流棒術 bezeichnet. Diese Ausprägung hat ihren Ursprung im 17. Jahrhundert und geht auf Nakatsugawa Matauemon 中津川亦右衛門 zurück. Insgesamt umfasst diese Schule 24 Methoden, jeweils unterteilt in 12 Omote-Formen, welche öffentlich auf Enbu gezeigt werden, sowie 12 Ura-Formen, die als geheime Techniken zur Selbstverteidigung ausgelegt sind. Zweimal pro Jahr, jeweils im Frühjahr (am zweiten Sonntag im April) und im Sommer (dritter Sonntag im Juli), werden die Techniken der Schule der Öffentlichkeit gezeigt. 1958 wurde die Schule zum geistigen Kulturschatz der Stadt Kumagaya ernannt.

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Grundlegend finden sich klare Anzeichung für die auch jetzt noch gegebene Verbindung zwischen der Ursprungsschule und der Shintô Katori ryû. Der Name der Schule sorgt anfangs vielleicht für Verwirrungen. Obwohl die Schule Bôjutsu im Namen trägt, sind die Techniken reines Kenjutsu. Der Grund hierfür liegt, wie schon erwähnt, an der Tatsache, dass das einfache Volk unter Restriktionen stand, welche das Tragen von bestimmten Waffen verbot. Da der Bô in diesem Sinne nicht betroffen war, fügte man der Schule diesen Namenszusatz an und konnte somit die Fortführung der Schule sicherstellen.

Das folgende Video zeigt jenes Shintô Katori ryû und sollte inbesondere von Schülern der Katori Shintô ryû genauer in Augenschein genommen werden:

Wie schon erwähnt hat sich insbesondere in der Präfektur Aichi eine reichhaltige Kultur dieser Kunstform bewahrt. Die Städte Toyoda und Owari-asahi blicken auf eine Lange Tradition des Bô no te zurück. Allein in Letzterer finden sich folgende fünf Schulen: Muni ryû 無二流, Gentô ryû 検藤流, Jikishinga ryû 直心我流, Tôgun ryû 東軍流 sowie die Jikishimusô Tôgun ryû 直師夢想東軍流. Anbei eine kleine Auswahl an beweglichen Bildern. Man bemerke die Umgebung.

Kamata ryû 鎌田流, ebenfalls aus der Präfektur Aichi:

Tendô Kamata ryû 天道鎌田流 (Stadt Toyota)

Jikishimusô Tôgun ryû 直師夢想東軍流

Das folgende Video ist gut 20 Minuten lang und zeigt das Bôjutsu der Muhi ryû, welche in der Präfektur Ibaraki bis in die heutige Zeit überliefert worden ist. Die Techniken werden auch als Taya no bôjutsu 田谷の棒術, nach dem Ort der Ausübung, benannt. Obwohl der kämpferische Aspekt im Vergleich zu den vorangegangen Videos höher ist, hat diese Schule eine ebenfalls sehr enge Bindung zum Kasuga-Schrein der Stadt Mito in Ibaraki. Die Techniken selbst gehen bis auf die Schlacht von Sekigahara zurück. Die Schule wurde ab dem Jahre 1783 in Taya gelehrt und hat bis zum heutigen Tag mehr als 700 Schüler in den Techniken unterrichtet. Im Video sieht man kurz eine sehr dicke Schriftrolle. Dabei handelt es sich um das Schülerregister, welches von Generation zu Generation weitergereicht worden ist. Im Jahr 2011 wurde die Schule zum geistigen Kulturschatz der Stadt Mito ernannt.

Wie man sieht, haben sich neben den kriegerischen Traditionen ganz eigene, charakteristische Stile der Landbevölkerung entwickelt. Ebenso ist es nicht verwunderlich, dass gerade diese Art der Traditionspflege sich über Generationen hinweg gehalten hat, scheinen sie sich doch auch heutzutage noch  unheimlicher Popularität zu erfreuen.

Yours in Budô,
Micha

¹Auf eine genaue Definition des Kriegerstandes wird an dieser Stelle abgesehen, doch ist den meisten Lesern sicherlich bewusst, auf welche Personengruppen ich abziele.

 

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"Wäre ich ein Tautropfen, so würde ich auf der Spitze eines Blattes Zuflucht suchen. Aber da ich ein Mensch bin, habe ich keinen Ort auf der ganzen Welt." - Saigo Takamori
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