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Hallo,

vor kurzem habe ich ein Vorführungsvideo von einem Dôjô meiner Schule gesehen, welches nicht direkt mit unserer Lehrlinie in Verbindung steht. Wie jedes Mal, wenn ich mir Vorführungen dieser Gruppe und ihrer Art und Weise anschaue, wie sie die Kata ausführen, frage ich mich, welch Entwicklung wohl von Statten gegangen sein muss, damit wir zwei so verschiedene Herangehensweisen an die Kata bekommen haben. Meine Schule ist in der Hinsicht jedoch noch relativ simpel gestrickt. Schaut man sich in der weiten Welt der Koryû um, so ist es nicht verwunderlich, dass man manchmal den Überblick verlieren kann. Ein gutes Beispiel hierfür ist wohl die Musô Jikiden Eishin ryû. Man kann eigentlich von Dôjô zu Dôjô gehen und man sieht zu einem Grossteil immer eine andere Interpretation und Herangehensweise an die Kata. Oder die Tennen Rishin ryû: Diverse Linien, unterschiedliche Technikausführungen und selbst nicht minder grosse Unterschiede im Curriculum. Zahlreiche Varianten der Hontai Takagi Yoshin ryû, der Yagyû Shinkage ryû, Hyôhô Niten Ichi ryû,…

Geht man davon aus, dass heutzutage in etwa noch 200 – 300 Koryû existieren (die unterschiedlichen Zweige mit einberechnet, bspw: Hyôhô Niten Ichi ryû, Noda-ha Niten Ichi ryû, Gosho-ha Niten Ichi ryû oder Yagyû Shingan ryû Katchû Heihô, Yagyu Shingan ryû Heihôjutsu, Yagyu Shingan ryû Taijutsu, uswusf. ), so steht man einer enormen Artenvielfalt gegenüber, mit all ihren technischen Unterschieden, geschichtlichen Entwicklungen und eigenen Charakteristika. Spannend wird es – und das macht auch einen Teil des Studiums der klassischen Schulen aus – Gemeinsamkeiten und Abweichungen zu erkennnen, deuten und verarbeiten. Dieses kann man innerhalb einer Schule machen (Niten Ichi ryû mit den unterschiedlichen Zweigen) oder die Mutterschule betrachten und deren Sprösslinge (Shintô ryû und deren Nachkommen). Oftmals finden sich interessante Punkte und geben Anlass zur Diskussion und Spekulation. Natürlich fehlen einem – und das ist absolut klar – die nötigen Kuden um zum wahren Kern vorzudringen, doch mit steigender Erfahrung gewinnt man die Fähigkeit, andere Schulen und ihre Techniken ein wenig eingehender zu beurteilen: Je näher man der Spitze eines Berges kommt, desto geringer werden auch die Unterschiede. Diese Art des Studiums dient also nicht nur der Reflexion der eigenen Technik, mit anderen Worten der tieferen Auseinandersetzung mit der eigenen Schule, sondern gibt auch die Möglichkeit, neue Einsichten zu gewinnen. Sieht man die Sprösslinge und Zweige als Weiterenwicklungen an, lassen sich interessante Beobachtungen anstellen, auch wenn diese vielleicht nicht die eigene Meinung oder Erfahrung wiederspiegeln und man im gewissen Maße in eine Art Konflikt gerät. Schulen haben sich seit je her weiterentwickelt und es ist eigentlich unmöglich zu sagen, ob sich in den letzten 100, 200 oder 300 Jahren nicht Techniken und Kata verändert haben, oder ob diese seit der Gründung unverändert Bestand haben. Wichtig ist hierbei, dass man sich nicht auf die Techniken und Kata fixiert, sondern die in ihnen liegenden Prinzipien bewahrt und von Generation an Generation weiter gibt. Dieses ist der entscheidene Punkt: Kata können noch so spektakulär aussehen, atemberaubend sein oder wirr erscheinen. Wenn sie nur ein Container sind, deren Inhalt verloren gegangen ist, nützt auch die schönste Technik nichts mehr. Dann ist die Schule dem Untergang geweiht und man hat den Punkt des reinen Katatanz erreicht. Die Erfahrungen, Traditionen, Erlebnisse fallen dann einfach hinten über oder sollen aus letzter Kraft ein System am Leben erhalten, welches seinen Anspruch an ein umfassendes Werkzeug zur Kriegerausbildung, unter den bestmöglichen Voraussetzungen einer Waffenkunde, Bewegungslehre, Persönlichkeitsschulung, verloren hat. Wenn Schulen diesen Punkt erreichen, wenn die Prinzipien nicht mehr weitergegeben werden (können), ist die Schule tot und nichts weiter als eine leblose Puppe. Wenn man nicht versteht, was innerhalb der Techniken verborgen liegt, hetzt man einer Sache hinterher, die es vielleicht seit Jahrhunderten schon nicht mehr gegeben hat. Romantisierte Tagträumereien, Personenkulte, in unserer Zeit die mediale Aufmerksamkeit, alles Faktoren die von der eigentlichen Sache ablenken können. Falsche Uebersetzungen, Missinterpretationen, Hören/Sagen, oftmals Ursache hitziger Diskussionen und Anfeindungen, deren Auswirkungen noch Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte später wie das Vater Unser in der Kirche hoch und runter gebetet werden, obwohl jene, die am lautesten schreien, am wenigsten davon verstehen, was wirkich Stand der Dinge ist.

Die Vielfalt der Koryû lässt darauf schliessen, dass sich Menschen Gedanken gemacht haben, wie sie das, was sie einmal gelernt haben, verbessern könnten. Ob ihnen dieses gelungen ist, sei mal dahingestellt. Fakt ist jedoch, dass die Schulen, die uns heute verblieben sind, dass Ende einer langen Tradition der Kriegskünste darstellen. Obwohl es heutzutage immer noch Neugründungen gibt bzw. Zusammenschlüsse (die ich explizit auch als Koryû auffasse, siehe die En ryû), müssen wir mit dem auskommen, was uns übergeben worden ist und wofür wir Sorge tragen müssen. Es liegt an uns, die Schulen als Ganzes für die nächsten Generationen zu bewahren, mit all ihren Prinzipien, Techniken, Kata, der Geschichte und dem Konstrukt welches sie umgibt. Die enge Verbindung zwischen den Schulen und der japanischen Geschichte ist für uns die Basis unseres Dienstes an der japanischen Gesellschaft und ihrer Kultur. Wir sind die Bewahrer dessen, was seit Jahrhunderten überliefert worden ist. Daher müssen wir auch dafür sorgen, dass die Generationen nach uns ebenfalls in die Gunst dessen kommen, was wir erfahren haben.

Versagen wir in diesem Vorhaben, stirbt ein Teil der japanischen Kultur und die Erfahrungen derer, die vor uns den Weg gegangen sind, werden in Vergessenheit geraten. Wir sind Teil einer Kette und müssen sicherstellen, dass wir nicht deren Ende sind.

Yours in Budô,

Micha

Hallo,

vor einigen Wochen wurde ich vom Verfasser des HOPLOblogs nach einem Interview gefragt.

Der HOPLOblog in einigen Worten:

HOPLOblog berichtet von und kommentiert Interessantes aus der Welt der Kampfkünste.

Chefblogger ist Diplom-Regionalwissenschaftler Thomas Feldmann, der seit 1997 über Kampfsport, Kampfkunst und Kampfmethoden schreibt. Seine Beiträge wurden bisher unter anderem in den Magazinen “Cultura Martialis”, “Toshiya.Karate, Kampfkunst & Kultur”, “DDK-Magazin” und “JKA-Karate” veröffentlicht. Forschungsreisen führten ihn unter anderem nach Hong Kong, Thailand, Japan und Okinawa. Grundlage seiner Arbeit ist eine umfangreiche Bibliothek von mehreren hundert Büchern und Fachzeitschriften. – Quelle: HOPLOblog

Jeder, der sich für Kampfkunst interessiert – nicht nur im Speziellen, sondern in ihren unterschiedlichsten Varianten – sollte einem Blick riskieren und dem HOPLOblog einen Besuch abstatten. Es lohnt sich!

HOPLOblog

Feedback zum Interview ist natürlich auch immer gern gesehen.

Yours in Budo,
Micha

"Wäre ich ein Tautropfen, so würde ich auf der Spitze eines Blattes Zuflucht suchen. Aber da ich ein Mensch bin, habe ich keinen Ort auf der ganzen Welt." - Saigo Takamori
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