Hallo,

am letzten Samstag hatte ich die Gelegenheit eine ganz besondere Schule für Schwertkunst zu besuchen. Genauer gesagt handelte es sich dabei um die Kôgen Ittô ryû, einer Schule die in der heutigen Präfektur Saitama in der Stadt Ogano angesiedelt ist. Im folgenden, neuen Artikel meiner Serie „Das Dôjô: Kampf. Kunst. Kultur„, möchte ich diesen wirklich ganz besonderen Ort ein wenig näher vorstellen.

Kôgen Ittô ryû 甲源一刀流 – Henmi Dôjô 逸見道場


Wenn mich eine Sache hier in Japan immer wieder erstaunt, dann ist es die Tatsache, dass Japaner sehr hilfsbereit und zuvorkommend sind. Manche mögen dieses vielleicht als – nun ja – übertrieben ansehen bzw. als eine Art Schutzmechanismus, um großes Übel, welches der unwissende Ausländer anrichten könnte, zu umgehen. Ich glaube jedoch, der Busfahrer der Linie Richtung Ogano, der mich als einzigen Fahrgast begrüßt hatte, war einfach nur sehr freundlich und glücklich darüber, dass sich eine Langnase hierhin verirrt hatte. Ich hatte ihn gefragt, wie man am besten nach Ogano kommen könnte. Die Busse fuhren nur einmal die Stunde und ich war schon etwas spät dran und wollte unter keinen Umständen meinen Zug Richtung Kawasaki verpassen.
Die Region Chichibu in der Präfektur Saitama ist von Tokyo in ungefährt 2 Stunden mit dem Zug zu erreichen. Die bergige Landschaft ist beliebt bei Wochenendtouristen und so war es auch kein Wunder, dass der Zug Richtung Chichibu allerhand Wanderer transportierte.

„Henmi Dojo?“ – fragte mich der Busfahrer. Ich war etwas erstaunt, denn mit dieser Frage hatte ich nicht gerechnet. „Ja“, antworte ich leicht verduzt. „Haben Sie vorher einen Termin abgemacht? Manchmal ist die Familie nicht da, dann wäre Ihr Weg ganz umsonst gewesen“.  – „Ich hatte versucht sie zu erreichen, nur leider blieben meine Anrufe unbeantwortet. So dachte ich mir: Fährst einfach mal auf gut Glück hin und schaust was passiert…“ – „Ah, ich verstehe *lacht*. Warten Sie, ich rufe eben dort an und gebe Henmi-sensei Bescheid, dass Sie auf dem Weg sind.“
Nun war es um meine Fassung ganz geschehen. Das hatte ich wirklich nicht erwartet. Der Busfahrer kramte nun wie wild in seiner Fahrertasche und wählte anschließend eine Nummer auf seinem Mobiltelefon. Am anderen Ende wurde abgenommen – wie ich später erfuhr von Henmi-sensei, dem Sohn des 9. Sôke und genauer gesagt auch dessen Nachfolger.
„Henmi-sensei weiß Bescheid. Er erwartet Sie. Wenn Sie sich jetzt setzen würden, könnte ich Sie gleich dorthin bringen. Sie müssten nur vorher einmal umsteigen, aber ich sag meinem Kollegen, dass er Sie direkt an der Straße zum Dojo rauslassen soll – dann müssen Sie nicht den Weg von der Haltestelle zurück laufen.“
Mein Körper machte instinktiv eine seeehr tiefe Verbeugung mit allerhand verbalen Dankesbekundungen. Ich hatte also doch großes Glück: Jemand war gerade daheim und würde mich empfangen. Das es sich dabei um den zukünftigen Sôke handelte war umso besser.
Die Kôgen Ittô ryû ist primär eine Schule für Schwertkunst, beinhaltet aber auch einige Kata mit der Naginata und in früheren Zeiten gehörte auch Iaijutsu zum Curriculum. Letzteres scheint aber im Laufe der Jahrzehnte verloren gegangen zu sein. Begründet wurde sie von Henmi Tashiro Yoshitoshi im Jahre 1783. Dieser war Schüler von Sakurai Gosuke Nagamasa, einem Mitglied der Mizoguchi-ha Ittô ryû. Mit steigender Erfahrung änderte sich diese Schüler-/Lehrerrolle und Sakurai ging seinerseits bei Henmi in die Lehre, um seine Form der Schwertkunst, die er Kôgen Ittô ryû nannte, zu erlernen. Sakurai Gosuke Nagamasa blieb für sehr lange Zeit in Chichibu bei der Familie Henmi und wurde später auch mit im Familiengrab der Henmi beerdigt. Die Henmi-Familie waren nicht Vasallen eines bestimmten Fürsten oder gehörten einer bestimmten Burg-Stadt an. Sie hatten ihr eigenes Land, welches sie bestellten und unterrichteten jeden, der gewillt war, auf ihren Feldern zu arbeiten. Training am Morgen und am Abend, dazwischen Arbeit auf dem Feld, um dieses zu bezahlen.


Aus der Zeit des Begründers stammt auch der Bau des Dôjô, dessen offizieller Name „Yobukan“ lautet. Obwohl es im Laufe der Jahre ausgebessert worden ist – im letzten Jahr bekam das Gebäude z.B. ein neues Dach – so sind die Grundpfeiler, Stützpfeiler und viele andere Bauelemente nun über 200 Jahre alt. Das Dôjô an sich ist relativ klein – verglichen mit den Dôjô in unserer heutigen Zeit. Es hat in etwa die Ausmaße 15m * 5m und einen wirklich wunderbaren Holzfußboden. Ich weiß nicht wieso, aber jedesmal wenn ich solch alte Dôjô betrete, sei es damals in Matsushiro oder das Honbu-Dôjô der Katori Shintô ryû, muss ich unweigerlich mit meinen Händen über den Boden fahren. Ich bekomme immer eine Gänsehaut, wenn ich solch alt-ehrwürdige Orte besuchen darf. In ihnen spiegeln sich die Erfahrungen und Erlebnisse vergangener Kämpfer und Schüler wieder. Hunderte Schüler standen hier Seite an Seite, schlugen mit ihren Bokuto aufeinander ein, lauschten den Erklärungen ihrer Lehrer, um später hinaus zu  gehen um eigene Schulen zu begründen oder den Namen ihres Lehrer und ihrer Schule in die Welt zu tragen. Mit der Berührung dieses Bodens wollte ich wohl einfach nur einen kleinen Teil dessen spüren, was hier einmal von Statten gegangen ist.


Betritt man das Dôjô, so hängt auf der linken Wandseite eine Kalligraphie mit dem Namen des Dôjô.  Dreht man sich ein wenig weiter, wird ein kleiner Nebenbereich sichtbar. Hier saßen früher die Lehrer auf ihren Tatami-Matten und beobachten die Schüler beim Training. Schwertständer und ein Bild des 5. Sôke zieren die Wände. Desweiteren gibt es einen kleinen Hausschrein. Auf den ersten Blick nicht ersichtlich – genauer gesagt nur dann, wenn man sich im Lehrerbereich befindet – ist ein weiter Waffenständer, der allerhand Langwaffen trägt. Darunter auch einen Yari. Wie ich später erfuhr, wurden diese Waffen in früheren Tagen im Falle eines Dôjô-Yaburi, also einer Aufforderung zum Kampf mit den Mitgliedern der Schule, verwendet. Die Herausforderer sollten nicht die Möglichkeit auf einen Kampf mit scharfen Waffen gestattet bekommen. Also trug man einige Waffen im Dôjô zusammen, welche heute immer noch dort hängen. Im rechten Teil unter der Decke hängt zudem eine alte Sänfte. Welch merkwürdiger Anblick…
Über die Techniken der Schule kann ich recht wenig sagen. Weiter unten gibt es aber nachher ein sehr schönes Video, welches ein wenig Einsicht in die Schule gewährt. Die Schule selbst ist äußert populär in Saitama, in alten Tagen wie auch jetzt. Es gibt mehrere Dôjô und die Zahl der Praktizierenden hält ein sehr gesundes Maß. Während der Meiji-Zeit wurde eine Liste mit allen Schülern seit der Gründungszeit veröffentlicht. Mehr als 2500 Namen finden sich dort und Henmi-sensei sagte mir, sein Vater hätte noch erlebt, wie Freunde und Schüler von ihm meinten, selbst Verwandte dort in der Liste erkannt zu haben. Diese Art der Listen hängt an vielen Plätzen, zumeist an Schreinen in der näheren Umgebung um den Ort Ogano. Eine davon, gewidmet dem Yasukuni-Schrein in Tôkyô, hängt heute im Museum der Schule, welches sich in unmittelbarer Nähe zum Dôjô befindet und vor gut 30 Jahren von der Stadt Ogano gestiftet worden ist. Im Museum selbst finden sich einige wirklich tolle Exponate: Densho, Makimono, alte Rollbilder, Waffen, Bilder diverser Sôke und vieles mehr. Besonders interessant war ein Schriftstück, das älteste in der Sammlung, aus der Zeit vom Begründer. Dabei handelt es sich um eine Mitgliedsliste. Neue Schüler mussten auf die Schule schwören und ihren Namen in alter Art und Weise mit Blut unterzeichnen. Keppan, so nennt sich diese Form der Unterzeichnung, wird heutzutage nicht mehr praktiziert. Henmi-sensei erklärte mir trotzdem die Vorgehensweise: Mit einem Faden wurde das letzte Glied des kleinen Fingers abgeschnürrt und anschließend mit einer Nadel in den Finger gestochen. Der abschließende Fingerdruck auf dem Schriftstück besiegelte den Eid und die Aufnahme in die Schule.

Ein anderes interessantes Stück war eine große Schriftrolle mit einigen Worten zur Philosophie der Schule. Leider – und ich weiß wirklich nicht wieso – habe ich es versäumt ein Foto von dieser Rolle zu machen. Jedenfalls erklärte mir Henmi-sensei, dass das höchste Prinzip der Schule sei, einen starken Geist aufzubauen, der im Angesicht des Gegners nicht wankt und verirrt umher trottet. Der Gegner sollte durch eine so starke Persönlichkeit gänzlich von der Idee abgebracht werden, den Kampf zu eröffnen. Sensei erklärte mir zudem, dass „nur ein gutes Herz ein gutes Schwert hervorbringen würde“ so wie ein „schlechtes Herz nur ein schlechtes Schwert hervorbringen würde“ und den hohen Ziel der Schule nicht gerecht werden könnte. Schwertkunst kommt aus dem Inneren und sollte immer auch als Schulung der Persönlichkeit angesehen werden.

Das Kenjutsu-Curriculum der Schule: Von rechts nach links: 4 Langschwert-Sets
und ein Kurzschwert-Set

Der Begründer: Henmi Tashiro Yoshitoshi



Henmi-sensei stellte sich bereitwillig meinen Fragen und erklärte eine ganze Menge. Er war sehr geduldig und hat öfter auch mal ein wenig weiter ausgeholt. Als wir das Museum wieder verließen, sagte er mir, dass es nicht oft vorkommt, dass Ausländer alleine ihren Weg nach Ogano finden. Meistens kommen sie mit Übersetzern und in größeren Gruppen.
Ich machte noch 1, 2 abschließende Fotos, überreichte Henmi-sensei mein kleines Mitbringsel und bedankte mich nochmals für seine Führung und die Möglichkeit, sein Dojo zu besuchen.


Nach unserer Verabschiedung voneinander ging ich in Richtung Ortszentrum und kaufte noch etwas Sake als Erinnerung. Auf der anschließenden Busfahrt nach Seibu-Chichibu konnte ich noch einmal auf das umliegende Land und die Berge schauen. Hier war ich nun also gewesen – an einem geschichtsträchtigen Ort der Schwertkunst und wieder um eine Erfahrung reicher. Obwohl ich nur etwas länger als eine Stunde dort war, hat mir die Zeit sehr gefallen. Alles war sehr ruhig und bodenständig. Der Herr im Sake-Geschäft hat mir so z.B. auch noch ein wenig über die Gegend und besondere Spezialitäten berichtet. Alle Personen die ich an diesem Tag traf und denen ich von meinem Vorhaben erzählte – dem Besuch des Dôjôreagierten gleich: Alle fingen sofort an zu lächeln und erzählten mir, wie sehr mein Ziel doch mit der Geschichte dieser Gegend verknüpft sei. Man konnte schon ein wenig den Stolz mitschwingen hören…

Wer selbst einmal nach Chichibu möchte, dem sei die Verbindung von Ikebukuro nach Mitsumine-guchi ans Herz gelegt. Dort in den Bus Richtung Ogano und an der Haltestelle Kozawa-guchi aussteigen. Etwas zurücklaufen und dann rechts die Straße hinein. Das Dôjô ist von der Hauptstraße aus zu sehen. Sonst einfach nach diesem Bild Ausschau halten:


Ich hatte Glück, aber man sollte vorher wirklich einmal dort anrufen und höflich nach einem Termin fragen. Henmi-sensei sagte, er sei immer am Wochenende da und dann wäre es kein Problem eine Führung zu bekommen.
Wer nun einmal selbst etwas Bewegtes aus der Gegend sehen möchte, dem sei dieses Video ans Herz gelegt:

Saitama Regional Cultural Asset Portal

Es war ein wirklich toller Tag, den ich so schnell nicht vergessen werde.

剣とは心術なり。

Yours in Budo,
Micha

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