Hallo,

am letzten Freitag war ich zu Gast bei der Morishige ryu unter der Leitung von Shimazu Kenji-sensei. Bei der Morishige ryu handelt es sich um eine Kunst die den Umgang mit diversen Feuerwaffen lehrt. Einer meiner Trainingskollegen der ebenfalls Mitglied der Morishige ryu ist, hatte sich bereit erklärt mir eine Einführung in diese ganz spezielle Art des Bujutsu zu geben. Bevor ich aber in die Details gehe, hier ein Video zur besseren Verdeutlichung. Aufgenommen am letzten Meiji Jingu Embu am 3. November 2011 in Tokyo:

Shitara-san, mein Trainingskollege und ich kamen gegen kurz nach 18 Uhr im Dojo an. Es war niemand da und so wurden zunächst einige Vorbereitungen getroffen: Heizstrahler aufgestellt (Es war wirklich SEHR kalt), Matten gefegt und umgezogen. Dann zeigte Shitara-san mir sein Gewehr. Leider habe ich das genaue Alter nicht mehr im Kopf, es handelte sich aber definitiv um eine antike Waffe. Er erklärte mir den Schießmechanismus und alle wichtigen Einzelheiten. Laut ihm braucht es nur 30 Minuten um einen ungeübten Neuling diese Techniken beizubringen. Nachdem er das Gewehr einmal auseinander genommen hatte um mir den Lauf zu zeigen (mit Schmiedemarke und Namensschriftzug des Schmiedes) begann er mit  Demonstration dreier Kata aus der Morishige ryu: Ichidan, Nidan, Yondan. In der Morishige ryu gibt es eine Vielzahl von Kata, alle mit unterschiedlichen Prinzipien und Wirkungsgraden. So gibt es z.B Kata für großkalibrige Waffen, Kanonen, Schießen aus dem Wasser oder von einer Burg herab, aus liegender Position oder vom Pferd mit einer Pistole als Bewaffnung.
Die Kata „Ichidan“ beginnt mit Reiho und dem Angrüßen der Waffe. Dann wird sich Richtung Ziel (Mato) bewegt. Hinknien, Waffe laden, Schießposition einnehmen, zielen, entsichern, feuern. Anschließend zurück zum Ausgangspunkt und abschließendes Reiho. Nachem er mir diese Kata demonstriert hatte, durfte ich selber Hand anlegen und den Lade- und Schießvorgang ausprobieren. Natürlich wurde nicht scharf geschossen – dafür gibt es, wie in Deutschland auch, Schießstände. Die meiste Zeit wird aber auf Festen (Matsuri) und Embu geschossen. Zur Grundschule gehört auch, dass man das Gewehr richtig halten kann – auch über einen längeren Zeitraum. 4 Kilo wollen halt auch richtig und effizient bewegt werden. Insbesondere der linke Arm steht unter starker Belastung. Hierfür gibt es dann auch eine Art Suburi, bei der im sitzenden Zustand das Gewehr auf eine bestimmte Art und Weise geladen wird. Im Anschluss zeigte mir Shitara-san dann noch einige Besonderheiten: So wird das Tachi, welches die Schützen bei sich tragen, als Auflagefläche genutzt. Dabei wird das Tachi in den Boden gesteckt und das Gewehr wird entweder auf der Tsuba abgelegt oder aber ein spezieller Aufsatz in Form eines „Y“ wird auf das Ende der Tsuka gesteckt und dort dann das Gewehr abgelegt. Auch gibt es die Möglichkeit, dass sich ein Waffenbruder hinkniet und das Gewehr auf dessen Schulter abgelegt wird. Dieses wird aber nur bei Rüstungs-Trägern angewendet. Kimono würden wohl zu leicht in Flammen aufgehen. Demonstrationen des schnellen Schießend und wie man dem gewaltigen Rückstoß entgegen wirken kann rundeten die Einführung ab.
Nach ungefähr 90 Minuten kam Shimazu-sensei.
Das Besondere an dem Training: Neben der Moroshige ryu trainiert parallel auch die Yagyu Shingan ryu. Shimazu-sensei ist auch hier leitender Lehrer und betreut während dieser Trainingseinheit beide Gruppen nebeneinander.
Shimazu-sensei ist ein Mann von kleinem Wuchs, aber mit einer Austrahlung – unglaublich. Und ein echt lustiger Kerl. Man verzeihe mir dieses Urteil, aber manche Menschen hinterlassen einfach einen bleibenden Eindruck bei mir. Shimazu-sensei ist solch eine Persönlichkeit. Seine Art zu unterrichten, die kleinen Dinge die er aufs Einfachste zu vermitteln vermag und diese Kraft! Er wurde 1938 geboren, fegt aber auch jetzt noch jeden von der Matte. Und als er dann einige der Schwerttechniken aus der YSR demonstrierte war es um mich geschehen. Unglaubliches Körpergefühl, starke Austrahlung, eine Technik jenseits von Gut und Böse. Alle standen staunend um ihm herum, als er mir seine Saya ins Gesicht warf – er demonstrierte nämlich einige der kleinen Gemeinheiten mit denen die Yagyu Shingan ryu aufwarten kann. Wirklich fiese Sachen und das Interessante war die Verbindung der Waffentechniken zum Taijutsu. So wird zB das Schwert in der Yagyu Shingan ryu auch beidhändig eingesetzt, spich es wird  mal verkehrt herum gegriffen, sodass die linke Hand an der Tsuba sitzt.
Obwohl das folgende Video schon etwas älter ist, spiegelt es dennoch gut wieder was mir am Freitag widerfahren ist:

Es war wirklich ein absolut toller Abend. Sensei hat bereitwillig Fragen beantwortet und seine Demonstrationen waren einfach klasse. Soviel Erfahrung – da fühlt man sich wirklich wie ein kleines Flämmchen, nicht der Rede wert und unbedeutend. Aber Shimazu-sensei, sein Feuer konnte man ganz genau in seinen Augen sehen.

Ein beeindruckender Mann.

Mal schauen, wann ich seiner Einladung zu einem Training nachkommen kann…

Yours in Budo,
Micha

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