Wo stehe ich im Dojo?

Diese Frage mag auf den ersten Blick ein wenig schwammig erscheinen, doch gibt sie uns die Möglichkeit zu einigen interessanten Beobachtungen und Denkansätzen in Bezug auf das japanische Gesellschaftssystem und ihrer Anwendung, bspw. im Dojo.

Die japanische Gesellschaft unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von einer – man verzeihe mir die saloppe Verallgemeinerung – westlichen Kultur und ihrer Denkweise. Ist in einer westlichen Gesellschaft das Individualbewusstsein stark ausgeprägt (Ich stehe im Mittelpunkt), ist im japanischen Gegenstück die Gruppe und das dazugehörige Gruppenbewusstsein die vorherrschende Kraft (Wir als Ganzes). Dieses Gruppenprinzip spiegelt sich in den beiden Worten Uchi 内 und Soto 外 wieder. Uchi bezeichnet den inneren Kreis, also die Gruppe an sich und Soto all diejenigen, die dieser Gruppe nicht angehören. Solch Gruppen finden sich überall, angefangen bei der Familie, der Firma, dem Nachbarschaftsclub oder dem Dojo. Solch Gruppenzugehörigkeiten halten nicht selten ein lebenlang und die Bindung zwischen den Mitgliedern hat außerhalb der Gruppe oftmals eine positive Wirkung auf das Handeln bzw. den Verlauf der eigenen Entwicklung. So ist es nicht unüblich, dass Mitglieder der Gruppe untereinander Vermittlungsgeschäfte tätigen um sich gegenseitig z.B. eine bessere Anstellung zu verschaffen. Stichwort hierfür wäre wohl das allgemein bekannte Vitamin B. Oftmals ist es auch so, dass man beim Erstkontakt direkt gefragt wird, bei welcher Firma man angestellt ist oder welche Universität man zur Zeit besucht. Dieses soll von Anfang an die Gruppenzugehörigkeit identifizieren und (bei identischer Zugehörigkeit) noch vorhandene Mauern einreißen und neue Möglichkeiten bieten. Denn wie oben schon erwähnt sind Gruppenzugehörigkeiten langlebig, und so kann es passieren, dass man mit Menschen in Kontakt tritt, die ebenfalls dieser Gruppe angehören, jetzt vielleicht nur keine aktive Rolle mehr einnehmen (ein Beispiel wäre die Universität).
Ein weiterer Aspekt der hierbei erwähnt werden muss, ist das sogenannte Sempai 先輩 – Kohai 後輩 – System. Hierbei handelt es sich um streng hierarchisches auf Erfahrung bzw. auf Zugehörigkeit zur Gruppe aufgebautes System, bei dem der Ältere, also der Sempai und damit derjenige der länger Mitglied der Gruppe ist, über den Kohai, den Jüngeren, wacht und ihn in die Gruppe integriert und für sie sozialisiert. Er vermittelt Regeln, Werte und Normen und stellt sicher, dass der Jüngere den Anforderungen stand hält und als vollwertiges Mitglied den angestammten Platz in der Gruppe einnehmen kann. Der Kohai wiederum versucht diesen Anforderungen gerecht zu werden und integriert sich in die Gruppe durch z.B. Mehrarbeit, Verrichtung niederer Aufgaben oder der Tatsache, am Anfang nicht im Mittelpunkt zu stehen. Dieses trifft inbesondere auch in den Kampfkünsten zu, dazu aber später mehr.
Jeder Kohai wird irgendwann ein Sempai und jeder Sempai war irgendwann mal ein Kohai. Bei diesem System spielt nicht das biologische Alter eine Rolle, sondern einzig und allein die Zugehörigkeit zur Gruppe.
Gehen wir das Ganze Thema nun aus Sicht eines Schülers im Dojo an, so lassen sich einige Dinge herauskristalisieren. Hier einige Beispiele:

  • Benutzte Waffen werden nie von Älteren weggebracht sondern immer von den jüngsten Mitgliedern im Dojo
  • Das Dojo wird vor Beginn des Trainings von den Jünsten geputzt. Oftmals erscheinen diese bis zu einer Stunde früher um das beim letzten Mal gelernte zu wiederholen und für Ordnung im Dojo zu sorgen
  • Bei (kleinen) Feierlichkeiten im Dojo werden die Jüngsten damit beauftragt, Einkaufen zu gehen und die Tische aufzustellen
  • Bei Feiern im allgemeinen trägt der Jüngere Sorge um das Wohl des Älteren und sorgt für dessen leibliches und persönliches Wohl (Nachbestellung von Essen und Trinken, Zigaretten, usw.)
  • Bei außerdojo Aktivitäten (Reisen) trägt der Jüngere nicht nur seine eigenen Sachen sondern oftmals noch die der Lehrer oder der Sempai, meistens die Waffentaschen
  • Als Neuling hält man per se den Unterricht der anderen auf. Sensei muss sich extra Zeit nehmen und kann somit den Älteren nichts vermitteln. Daher wird nur ab und an etwas erklärt und dann für längere Zeit nichts gesagt. Der Schüler muss sich selbst eingehend mit der Technik auseinander setzen

Diese Liste lässt sich beliebig weiter führen, doch möge dieses für den Zweck der Sache genügen.
Wie man sieht, ist der Entwicklungsprozess und auch das Tätigkeitsfeld und die damit einhergehenden Erwartungen strikt festgelegt und es wird erwartet, diesen nachzukommen. Integration ist hier das Stichwort. Man wird angehalten, ein gesundes Gruppenbewusstsein zu entwickeln. Die Tätigkeiten dienen nicht dem eigenen Zweck sondern immer dem Zweck der Gruppe und der Erhaltung der Harmonie in dieser Gruppe. Wird diese gestört, gerät das ganze Gruppengefühl aus den Fugen. Manchmal mögen sie stumpfsinnig und vielleicht auch erniedrigend wirken, doch zielen sie auf ein bestimmtes Ziel, der Erhaltung des Gruppengefühls und das Überwinden der eigenen Engstirnigkeit, um sich von einer Ich bezogenen Persönlichkeit zu einer auf die Gruppe orientierte zu entwickeln. Durch den Dienst an der eigenen Gruppe soll die Mutter-Gruppe, also das japanische Volk an sich, profitieren und wachsen, da hier wieder nicht das Individuum im Mittelpunkt steht sondern die Ziele und das Gefüge der Gruppe.

In unserem westlichen Kulturkreis und ich beziehe mich jetzt explizit auf Deutschland, gibt es solche starken Bindungen und Gruppengefüge nicht. Jedenfalls nicht in dem Maße. Schaut man sich die hiesigen Dojo-Strukturen an, erkennt man grobe Unterschiede zwischen Deutschland und Japan. Oftmals fehlt in Deutschland ein Lehrer mit langer Erfahrung (+40 Jahre Erfahrung in einer Kampfkunst) und eine weitere Schicht an Seniorschülern. Wenn jemand unter diese Kategorie fallen würde, dann am ehesten Frank Thiele-sensei mit seiner starken Bindung zu Hirano-sensei. Prinzipiell ist dieses Phänomen auch kein Wunder: Kampfkunst, insbesondere das Koryu-Bujutsu, ist erst in den letzten 15-20 Jahren wirklich aktiv in Deutschland geworden. So ist die Katori Shinto ryu rund 15 Jahre aktiv und die Moto-ha Yoshin ryu rund 7 Jahre. Derartige Strukturen wie sie in Japan zu finden sind, sind dementsprechend nicht zu finden. Wie auch? Wichtig ist, dass die Verbindung nach Japan in einer stetigen Wechselwirkung stehen: Im Idealfall kommt Sensei einmal im Jahr nach Deutschland und eine Gruppe um den deutschen Verteter fliegt ein oder mehrmals nach Japan um sich weiterbilden zu lassen. Hierbei ist es dann auch wichtig, die Unterschiede im eigenen Training und der eigenen Dojo-Struktur zu erkennen. Oftmals ist japanisches Training härter und fordernder. Dies liegt nicht nur an dem höheren Level der Mitglieder in Japan, sondern auch an der oftmals sehr starken kulturellen Prägung. Und hier kommt wieder das eigene Ich ins Spiel: Manch japanischer Lehrer/Senior sieht zwischen einem japanischen und einem ausländischen Studenten keinen Unterschied. Wenn der Japaner sich nicht entsprechend benimmt, hagelt es Züchtigung und Zurechtweisung. Gleiches gilt für den Ausländer, im Guten wie im Schlechten. Da man Teil der Gruppe ist, spielt es keine Rolle welcher Nationalität man angehört. Im Ideallfall gibt es nur die Identität mit der Schule, nicht mit der Nationalität.

Wichtig ist, den kulturellen Kontext der Schule nicht zu vergessen. Die Worte SenseiSempaiKohai sind nicht nur leere Container, sondern spiegeln Prinzipien und Verhaltensweisen wieder. Uchi und Soto bilden auf der anderen Seite eine strikte Abtrennung zwischen einzelnen Gruppen und Interessenverbänden. Die eigene Verantwortung als Schüler darf nicht vernachlässigt werden und spiegelt sie sich auch nur im Kleinen wieder. Jeder Dienst an der Gruppe fördert ihr Vorankommen und Wachstum. Titel und Namen sind nicht von Bedeutung. Wichtig ist ein gesundes Miteinander mit klar definierten Regeln und Verhaltenweisen. Ein Dojo ist eben kein Kinderspielplatz sondern ein in sich geschlossenes Gesellschaftssystem. Dies möge man, vielleicht auch nur im Ansatz, im eigenen Training bedenken.

Es macht schon viel aus, wenn man beim nächsten gemeinsamen Trinken einfach eine Kiste Bier beisteuert. Die Gruppe wird es einem danken…

Advertisements