大雨 – Ooame – starker Regen

Es ist kurz nach vier, der Regen prasselt in unbändigen Reihen vom Himmel herab auf das Gelände des Katori-Schreins in der Präfektur Chiba. Es ist schon nahezu dunkel geworden und es liegt eine fast mystische Ruhe über diesem Platz. Nein – eigentlich ist es nicht die Ruhe des Platzes, sondern die meine. Entspannt und mit einem Lächeln – ja, diese Situation hatte wirklich etwas komisches an sich, ging ich in Richtung Hauptschrein: In der einen Hand den Regenschirm, mehr schlecht als recht schützend und in der anderen den hochgezogegenen Hakama – schließlich möchte man nicht voller Matsch in eines der größten Shinto-Heiligtümer Japans eintreten…

Der Wind pfeift, der Regen ist unaufhaltbar vorangeschritten und erste kleine Seen sind erkennbar. Wir sitzen im Schrein und sind Teil einer Shinto-Zeremonie. Im Zuge jeden Gasshukus – also einer Art „Trainingslager“ – findet alljählich auch diese Art der Zeremonie am Katori-Schrein statt. Nur dass es dieses Jahr der Wettergott nicht wirklich gut mit uns meinte. Draußen stürmte und regnete aus Kübeln, die Krähen saßen scheiend auf den Dächern der umliegenden Gebäude und die Blätter der Bäume untermalten dieses kleine Orchester mit lautem Rasseln im Takte der Windböen.

Eigentlich war eine Vorführung zu Ehren der Gottheit vor dem Schrein angedacht. Nur dieses hätte bei dem Wetter nicht wirklich dem Status einer Gottheit entsprochen. Also wurde in kurzer Absprache mit der Organisation das Ganze in ein naheliegendes Gebäude verschoben. Dort, in Ausrichtung auf das Hauptgebäude des Katori-Jingu, wurde nun der Gottheit die seit Jahrhunderten überlieferte Kunst vom Katori-Schrein dargeboten. Es war wirklich ein bemerkendes Gefühl, welches mich in diesem Moment durchströmte. Selten zuvor wurde mein Körper beim Anblick meines Lehrers so durchgerüttel wie jetzt bei der Vorführung. Sein Kiai ging mir bis ins Mark und verweilte dort eine Weile bis meine innere und vermutlich auch äußerlich sichtbare Anspannung nachließ. Es war, als hätte für einen Moment Stille geherrscht, als hätte der Atem der Welt für einen Zug inne gehalten um nur die Gottheit und diesen Herren dort in zweisamer Ruhe darbieten  zu lassen.

Ich selbst durfte mit einem Freund aus Belgien ebenfalls der Gottheit unsere Kunst vorführen. Ich muss gestehen, es war meine erste öffentliche Vorführung in Japan und – persönlich gesehen – eine kleine Ehre. Wahrlich: Diese ganze Situation war mehr als sureal. All das Getöse von draußen drang nach innen und wir stimmten mit lautem, hallenden Kiai in dieses Singsang ein. Und selbst 2,3 Zuschauer verweilten für einen Moment vor dem kleinen Schauspiel und fragten sich vermutlich, was diese Herren dort oben gerade veranstalten. Ja, Kampfkunst – gerade das Koryu Bujutsu – ist in Japan weitesgehend unbekannt. Für manche sind wir einfach nur Samurai-Cosplayer und für andere – na ja, ihr könnt es euch denken…

Der geneigte Leser verzeihe mir bitte die manchmal etwas vielleicht zu bildlich gewählte Darstellung, doch es hat wirklich wie aus Eimern gegossen. Alles in Allem war das Gasshuku wirklich sehr gut. Es wurde gut trainiert – natürlich im Hombu-Dojo und im Beisein von Iizasa-soke sowie natürlich gut gegessen und getrunken. Wie jedes Jahr wurde das Gasshuku mit einem Besuch in einem gut 200 Jahre alten Unagi-Restaurant (Aal) eröffnet. Welch Gaumenschmauß! Der Tisch des abendlichen Banketts wurde reichlich gedeckt und Soke erzählte die ein oder andere Anekdote. Die Stimmung war gut und das Nijikai – also die Veranstaltung nach der eigentlichen Veranstaltung und nebenbei fast noch wichtiger als erstere – ging bis in die Nacht hinein. Es folgte ein kurzer Schlaf, ein gutes japanischen Frühstück und eine kleine Wanderung von 40 Minuten zu Fuß vom Ryokan zum Hombu-Dojo. Vier Ausländer, nur bekleidet in Hakama und Dogi – welch Anblick! Komischerweise waren gerade die Touristen es, die ungläublig dreinblickten. Den Einheimischen war dieses Schauspiel nicht unbekannt…
Es ging weiter mit ein paar Stunden Training – dieses Mal lag der Fokus auf den Langwaffen und dem Iai – und einem anschließendem Essen, wieder im Beisein des Soke und – wenn ich richtig verstanden habe – auch dessen Nachfolger. Dieser hat auf mich einen sehr netten Eindruck gemacht und er wird hoffentlich irgendwann auch wieder unterrichten.
Zu guter Letzt wurde das Dojo gereinigt und wieder verschlossen. Anschließend wurde dem Grab des Begründers noch ein kurzer Besuch abgestattet und die Heimreise konnte angetreten werden.


Für mich war es das zweite Gasshuku, aber das erste mit solch einer hohen Teilnehmerzahl. 13 Teilnehmer, davon 5 Ausländer, sowas hat man wirklich selten. Alle haben fleißig und konzentriert trainiert, auch wenn es den Anschein hatte, dass das Training im Hombu-Dojo in Anwesenheit von Soke gleich noch eine Spur – wie sagt man – intensiver ist. Ich war jedenfalls am Ende des Wochenendes mental und körperlich sehr, sehr müde. Aber es hat sich gelohnt!

Yours in Budo,

Micha


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