Ich habe ein Problem.

Ein meiner Meinung nach sehr, wie soll ich sagen, ermüdendes Problem.

Genauer gesagt geht es um meine Hand. Was mir früher in der Schule nur nach langen Schreibarbeiten aufgefallen ist, fällt mir jetzt insbesondere dann auf, wenn es darum geht, Kanji 漢字(chinesische Schriftzeichen) zu schreiben. Meine Hand wird sehr schnell müde, mein Griff ist viel zu fest und meine Striche gehen nicht so von der Hand, wie ich es mir wünschen würde. Alles in allem bin ich sehr unzufrieden mit meinem Schreibstil. Nur wenn ich mich konzentriere und darauf achte, meine Hand ja locker zu lassen, dann fühle ich ein gutes Schreibgefühl. Leider hält dieses nicht sehr lange und schon nach einigen weiteren Schriftzeichen verfalle ich wieder in alte, schlechte Gewohnheiten.

Wenn man sich die Kampfkünste anschaut, kann man erkennen, dass die beste Technik die ist, die unbewusst und ganz natürlich geschieht, aus dem Innersten heraus und mit solch einer Wirkung, dass einem Gegenüber sprichwörtlich die Schuhe ausgezogen werden. Doch um in dieses Stadium zu kommen, also die Meisterung der Technik und ihre daraus resultierende Verinnerlichung im Körper (und im Geiste), ist es von Nöten, eine gewisse Grundschule zu absolvieren (in den jap. Kampfkünsten die sogenannte Kihon 基本). Erst auf Basis einer guten Grundschule kann man die wirkliche Essenz der jeweiligen Schule, der jeweiligen Technik, verinnerlichen. Natürlich müssen noch andere Faktoren bedacht werden, darunter die innere Einstellung oder die der Schule zugehörende Atmung.

Ein anderer wichtiger Punkt in diesem Spektrum ist das Prinzip der Lockerheit. Lockerheit kann nur dann existieren, wenn keine Kraft im Spiel ist, genauer gesagt unnatürliche Kraft, die aus der reinen Anspannung von Muskeln resultiert, wo hingegen die natürliche Kraft, welche aus der reinen Körperstatik und Dynamik (also im Endeffekt das bewusste Wahrnehmen des eigenen Körpers) resultiert, dem Prinzip der Lockerheit sehr dienlich ist. Nur wer locker ist, kann sich effektiv und damit körperlich gesund bewegen. Künstliche Kraft muss erst verschwinden, damit natürliche Kraft an ihren Platz treten kann. Wer steif vor Anspannung ist, kann sich nicht bewegen. Wer sich nicht bewegen kann, stirbt.

Man sagt, dass Shodō (書道, wörtlich: Weg des Schreibens) für nicht gerade wenige Krieger (und in neuerer Zeit Kampfkunstübende) eine wichtige Nebentätigkeit (oder Hobby) darstellte/darstellt.
Als ich einmal das Vergnügen hatte, eine Einführung in die Kalligraphie zu bekommen, war es wie im Kindergarten: ein Gekritzel vor dem Herren, ohne Schönheit und Ästhetik. Sieht man hingegen erfahrene Lehrer und Schüler, so erkennt man, dass sie sehr locker und entspannt ihren Pinsel halten und doch bestimmt und energisch die gewünschten Linien zu Papier bringen können.

Einer meiner Sempai in Japan hat mir geraten, dass ich versuchen sollte, den oberen Muskel zwischen Daumen und Zeigefinger locker zu lassen. Sollte meine kleine Google-Recherche mich nicht getäuscht haben, wäre das der M. adduktor pollicis – Zuzieher des Daumens (Ärzte mögen mich jetzt bitte korregieren, sollte es doch der falsche Muskel sein). Ich versuche mir seit Jahren diese Spannung abzutrainieren. Immer häufiger klappt es (dank dem kleinen Finger als wirklich Leistungsträger der Schwerthand), doch manchmal breche ich leider zu alten Fehlern durch.

Nun, wenn ich mein Geschreibsel und meine Schwertführung anschaue, erkenne ich, dass bei beidem (beim Schreiben mehr, beim Schwert weniger), mein Zuzieher des Daumens sehr angespannt ist. Müsste es also nicht möglich sein, sowohl durch das Studium des Pinsels, wie auch das des Schwertes, beides meistern zu können? Sind Pinsel und Schwert nicht einfach austauschbar (im Sinne der Einstellung diesem Gegenstand gegenüber)? Erkennt jemand, der nur den Pinsel schwingt, nicht auch die wahre Natur des Schwertes? Ob man nun locker (aber bestimmt) das Schwert führt oder den Pinsel, ist dann ja trivial. Beides existiert in dem Moment nicht. Ob Schwert, Pinsel, Naginata, Bo oder sogar ganz waffenlos: ein Prinzip, unendlich viele Anwendungsmöglichkeiten.

手の内 – Tenouchi

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